Himmelfahrt Mariens

Bild der 32. Woche - 9. bis 15. August 2004

Süddeutschland, um 1500, Himmelfahrt Mariens, Öl auf Eichenholz, 90 x 64 cm, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 0764

Eine ganz sichere Hand hatte der Maler dieser Tafel einer Darstellung der Himmelfahrt Mariens (15. August) wohl nicht. Die Unterscheidung zwischen Mann- und Frauendarstellung ist nicht sehr gut nachvollziehbar. Der Apostel, der ein weißes Gewand schleierartig trägt, wirkt fraulich, ebenso die kleine Christusfigur am oberen Bildrand in der Aureole rechts, Maria, in der Aureole links, wirkt dagegen weniger fraulich. Auch sein Repertoire an Kopfhaltungen ist beschränkt. Profil und Dreiviertelprofil überwiegen, zum Teil sind die Kopfhaltung „in Reihe geschaltet“, ein abgewandter Kopf scheint verunglückt. Nein, ein großer Meister war der unbekannte Maler dieser Tafel nicht. Er schuf sie wohl um 1500 in Süddeutschland. Es scheint, als ob er dennoch zumindest einem Besitzer des Gemäldes zu fortschrittlich gewesen ist, denn die in Farbperspektive (Braun über Grün bis Blau und Hellblau) dargestellte Landschaft zeigt Reste von späterer Vergoldung. Die gegen Ende des 15. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum "moderne" Hintergrundlandschaft war mit mittelalterlichem Goldgrund überdeckt worden. Die 12 Apostel (Judas, der Verräter, war durch Matthias ersetzt worden) sind um das Grab Mariens versammelt. Es scheint als hätten sie gerade Maria zu Grabe getragen und erleben nun ihre Himmelfahrt. Am Himmel sieht man die von Engeln erhobene, kleiner dargestellte Maria. Sie ist bei Christus angekommen. Dieser nimmt sie herzlich in Empfang. Rechts und links halten zwei Engel lange Spruchbänder mit Zitaten aus dem Hohenlied. Dort liest man in Latein (Hoheslied 8,5): "Wer ist sie, die da heraufkommt aus der Wüste, an ihren Geliebten gelehnt?" und (Hoheslied, 6,10): "Wer ist sie, die da hervorglänzt wie die Morgenröte...?" War der Maler auch malerisch kein großes Genie, so läßt die dargestellte Theologie jedoch nichts zu wünschen übrig. Die Darstellung der Himmelfahrt Mariens entspricht ganz der ikonographischen Tradition und wird ergänzt durch die beiden theologisch das Geschehen ausdeutenden Spruchbänder der Engel. Das altestamentlich Hohelied ist eine Sammlung von Liebesliedern, die auf das Verhältnis von Christus zur Kirche, aber auch als Marienlob auf das Verhältnis von Christus zu Maria bezogen wurden. Die unter Theologen viel diskutierte Frage, ob Maria vor ihrer Himmelfahrt überhaupt gestorben sei, scheint der Maler - wie die Mehrzahl seiner Kollegen - eindeutig mit 'Ja' zu beantworten. Das Grab war bereits geschlossen und hat sich zur Himmelfahrt geöffnet. Die heute übliche Bezeichnung „Himmelfahrt Mariens“ ist theologisch und ikonographisch eigentlich eine falsche Bezeichnung. Wie hier zu sehen, ist es eine Aufnahme in den Himmel. Maria wird durch Engel erhoben und fährt nicht aus eigener Kraft empor. Die Tafel stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Besitz des Kölner Geistlichen Alexander Schnütgen, dem Gründer des Museum Schnütgen. Dieser wird sie wiederum durch seine intensive Sammlertätigkeit erworben haben. 1930 wurde sie aus dem Museum Schnütgen an das Wallraf-Richartz-Museum abgegeben.

T. Nagel