Zitronen zum Frühstück

Bild der 46. Woche - 17. bis 24. November 2003

Willem Claesz. Heda (1594 – 1680/82) Stilleben mit Glas und Becher, 1632 Öl auf Eichenholz, 44 x 51,5 cm Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 1014

Für einen Augenblick lang scheint in diesem Bild die Zeit stillzustehen. Keine Regung stört diese Ruhe. Ein Moment der Stille. Und tatsächlich hat das Bild den Titel "S t i l l e b e n mit Glas und Becher" erhalten. Es wurde 1632 von Willem Claesz. Heda in seiner Heimatstadt Haarlem, unweit von Amsterdam, gemalt. Der niederländische Begriff "stilleven" taucht Mitte des 17. Jahrhunderts erstmals in holländischen Inventaren auf und bezeichnet ein kunstvolles Arrangement unbeweglicher, besser noch: unbeseelter Gegenstände. Die Stillebenmalerei hatte sich erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus älteren Bildzusammenhängen herausgelöst und zu einem selbständigen Bildthema mit besonderer Bedeutung für die holländische Malerei entwickelt. Hedas Heimatstadt Haarlem war berühmt für ihre sogenannten "Ontbijtjes", ein Begriff, der verkürzt als Frühstück übersetzt wird, im allgemeinen Gebrauch aber "kleine Mahlzeit" bedeutet: es waren reich gedeckte Tische mit kostbarem Geschirr aus den Goldschmiedewerkstätten der Stadt, wie sie auch auf unserem Bild zu sehen sind. Willem Claesz. Heda, einer der bedeutendsten Stillebenmaler seiner Zeit, präsentiert uns eine kunstvolle Komposition erlesener Geschirr- und Besteckteile, die wie zufällig auf einem Tisch angeordnet wirken. Im Mittelpunkt ein verziertes Weinglas, umgeben von einem umgestürzten, fein ziselierten goldenen Becher, zwei Metalltellern und einem Messer mit fein gearbeitetem Perlmuttgriff. Auf den Tellern Nüsse und eine halb geschälte Zitrone, zerbrochene Nußschalen auf der Tischdecke. Der gesamte, bühnenartig angelegte Bildraum wird nach hinten durch eine unbestimmt belassene Rückwand abgeschlossen. Das Licht fällt von links oben in den Bildraum und wird von den Gegenständen in ganz unterschiedlicher Farbwirkung reflektiert. So belebt der Maler die Szenerie und macht die Stofflichkeit der Materialien – funkelndes Glas, kühles Metall, seidig glänzendes Gewebe – ebenso wahrnehmbar, wie den außerhalb des Bildraumes liegenden Realraum: Spiegelungen des unsichtbaren Fensters werden zu Lichtpunkten auf dem Weinglas. Charakteristisch für die Stillebenmalerei ist auch das Fehlen, oder – wie in unserem Fall – die Unterbrechung von Handlung. Denn: ist das Messer, mit dem eben noch die Zitrone geschält wurde, nicht gerade im Moment beiseite gelegt worden? Wurde nicht just einen Augenblick zuvor jemand beim Knacken der Nüsse aufgeschreckt, so daß eine hastige Bewegung den Becher umstürzen ließ? Was bleibt, sind nur die Spuren einer Anwesenheit und Fragen nach dem "vorher" und dem "danach". In den holländischen Stilleben des 17. Jahrhunderts führen diese Fragen fast immer zu einer tieferen Bedeutungsschicht. Die Darstellung unseres Bildes verweist auf die Eitelkeit alles Irdischen, auf die Vanitas. Dieses Gemahnen an die Vergänglichkeit des Lebens wird in den Bildern symbolhaft verschlüsselt. In unserem Bild durch die zerbrochenen Nußschalen, den umgestürzten Becher und das labile Gleichgewicht des Tellers am vorderen Tischrand. Als Anspielungen auf die verrinnende Zeit waren diese Mahnungen den Zeitgenossen, die ihr Wohlleben durchaus genossen, stets bewußt, hingen diese Bilder doch in ihren Privaträumen, wo sie zu stetiger Besinnung aufriefen.

O. Mextorf