Vergoldeter Zisterzienser

Bild der 43. Woche - 27. Oktober bis 3. November 2003

Krümme eines Abtstabes Süddeutsch?, 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts 37 x 15,8 cm Museum Schnütgen, Köln, G 568

Diese kostbare Krümme eines Abtstabes ist auf mehrfache Weise mit dem Orden der Zisterzienser verbunden. Zunächst ist es die Darstellung in der Krümme selbst, die einen Bezug liefert. Es handelt sich um eine Vision des Hl. Bernhard von Clairveaux, eines der Gründungsväter des Zisterzienserordens: Als Bernhard einmal betend vor dem Kreuz kniete, nahm Christus seine Arme vom Kreuz und umarmte den Betenden. Dieses seit dem 15. Jahrhundert vor allem nördlich der Alpen immer wieder dargestellte Thema ist eines der wichtigen Bilder für die mystische Vereinigung von Gott und Mensch. Seine Darstellung am Stab eines Abtes war somit nicht nur Erinnerung an den Ordensheiligen, sondern besaß auch Vorbildcharakter für das Leben der Mönche selbst. Das Wappen zu Füßen des Knienden mit dem schachbrettartigen Schräglinks-Balken (s. Bild links) ist das persönliche Wappen des Heiligen Bernhard und macht das Bildthema damit eindeutig erkennbar. Über das Thema hinaus ist der Abtstab auch durch das dem Bernhardwappen rückseitig gegenüber angebrachte zweite Wappen (s. Bild rechts) mit den Zisterziensern verbunden. So konnte dieser Wappenschild mit den drei übereinandergesetzten Jochen als Wappen des 1547 zum Abt von Kloster Bebenhausen gewählten Sebastian Lutz identifiziert werden. Der Stab, dessen Krümme sich heute im Kölner Museum Schnütgen befindet, stellt also nicht nur einen Heiligen des Zisterzienserordens dar, sondern stammt auch aus dem Zisterzienserkloster Bebenhausen und wird von oder für Abt Sebastian Lutz um 1547 in Auftrag gegeben worden sein. Aber es wird auch deutlich, daß der Stab eine gewisse Ferne zum Reformorden der Zisterzienser besitzt. So ist er in einer Zeit geschaffen worden, in welcher die ursprüngliche Idee des Ordensreformers Bernhard von Clairveaux nicht mehr sehr stark im Klosterleben ausgeprägt war. Mit der Absicht, das Leben in den reichen Benediktinerklöstern – wie z. B. in Cluny – wieder auf das ursprüngliche Ideal der Armut auszurichten, hatte sich Bernhard von Clairveaux in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts auch gegen die kostbare Ausstattung der Kirchen gewandt: "Glauben denn Eure Ordensoberen wirklich, daß der Heiland dereinst beim Jüngsten Gericht sagen wird: 'Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, denn ihr habt mir goldene Kelche gemacht und Meßgewänder mit Goldstickereien'?" So weitete Bernhard die Reform des Ordenslebens auch auf das Gebiet der Kunst aus. Figürliche Darstellungen wurden völlig verboten, was in der Kunst der Zisterzienserklöster zur Entwicklung einer eigenen Ästhetik des Ornamentes führte. Diese Grundhaltung der Zisterziensischen Reform findet sich bei unserem Abtsstab nicht mehr. Er hat figürliche Darstellungen und wurde aus versilbertem und vergoldetem Kupfer hergstellt. Von der angestrebten Schlichtheit zisterziensischer Kunst ist hier wohl nur die "Schnörkellosigkeit" der Krümme und die Einfachheit dieser frühbarocken Komposition geblieben und allenfalls Akantuslaub und Arkanthusvolute der Bodenfläche unter den Figuren erinnern an das Ideal des Ornamentschmuckes.

T. Nagel