Gemartert und zerrieben

Bild der 45. Woche - 10. bis 17. November 2003

Frieda bzw. Frieda und Adolf Fischer auf chinesischen Karren Frieda und Adolf Fischer, Fotografien Chinareise 1906 Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, Fotosammlung (nicht ausgestellt)
Frieda Fischer in einer Sänfte Frieda und Adolf Fischer, Fotografien Chinareise 1906 Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, Fotosammlung (nicht ausgestellt)

Reiseerfahrungen in China In sieben Folgen (s. Fenster oben rechts) sind an dieser Stelle bereits Reiseerinnerungen von Frieda Fischer vorgestellt worden. Die Gründerin und Direktorin des Kölner Museums für Ostasiatische Kunst reiste 1906 mit ihrem Mann und Mitgründer des Museums durch China. Wie das Ehepaar Fischer damals reiste, soll heute mit Auszüge aus ihren Tagebüchern und Aufnahme der Reise gezeigt werden: „Tsing-chu-fu, 25. Oktober 1906 Für den Nachhauseweg stellte der General für Adolf Fischer eine Karre, für mich eine Sänfte zur Verfügung. In solch einer Herrschftssänfte schwebt man wie auf Fittichen dahin. Die gut eingeschulten Träger laufen auf weichen Filzsohlen in immer gleichbleibendem Tritt. „Hoa“, ruft der erste, wenn ein Stein im Weg liegt. Der zweite ruft es schnell dem dritten, dem vierten zu, und dann läuft die Meldung schnell rückwärts vom vierten über den dritten, den zweiten zum ersten zurück zum Zeichen, daß die Warnung aufgenommen wurde. „Difang“ ruft es hin und her, wenn der Weg uneben, „fango“, wenn die Sänftenstange von einer Schulter auf die andere gelegt, „shang“, wenn die Sänfte mit leichtem Ruck aufgehoben wird. Den rhythmischen Schritten der Läufer lausche ich mit demselben Behagen wie dem Trappeln gut eingefahrener Pferde.“ Zum gleichen Anlaß (s. a. BdW 44/2003) notierte Adolf Fischer in sein Tagebuch: „Frieda wurde zu den Taitais geführt, die sehr reich angezogen waren und sich schüchtern näherten. Die Haupttaitai war Mongolin, aber eine junge sehr hübsche Nebenfrau war Chinesin, allerdings in mongolischer Tracht, hatte aber kleine Füße. … Frieda wurde in einer Sänfte heim befördert, ich Unseliger fuhr in einer Karre, wurde durch die unglaublichsten Straßen um die Stadt gefahren, kam zerstoßen und wie gerädert im Kunkwan, wo wir gemütlich wohnen, an.“ „23. Oktober 1906 Das einzige Gefährt, das in Tse-ho-tien zu haben ist, ist die einrädrige Schubkarre. Vergnügt sehen wir der Erfahrung des Reisens auf diese Art, der eine rechts, der andere links vom Rade, entgegen und finden sie vorerst recht bequem und lustig. Aber bald legt sich die Begeisterung. Es drückt hier, es schmerzt da, besonders wenn die Karre über Steine stolpert. Gemartert und zerrieben kommen wir in zwei Stunden nach Lin-tze.“ (s. hierzu Hauptbild links) „Chinghsing-tien, April 1906 In Ching-hsing-tien stand eine Karawane für uns bereit, die unser umsichtiger Eisenbahnfreund zusammengestellt hatte. … Die Reisesänften dieser Gegend sind äußerst primitiv. Das Wort Sänfte von sanft abzuleiten, ist hier fehl. Zwei lange Stangen sind in der Mitte mit Stricken, netzartig, verbunden. Diese Stricke bilden den Sitz oder das Lager, das ein Mattendach bedeckt. Davor und dahinter je ein Maultier, auf deren Sätteln die Stangen wie Deichseln aufliegen. Statt eines Kissens legte ich einen flachen Lederkoffer in das Netz; meine Lehne war ein Bettsack. Nein, bequem ist solch ein Gefährt nicht. Bei jedem Schritt, den ein Maultier statt vorwärts seitwärts tut, durchrüttelt das starre System der langen Stangen die Sänfte unerbittlich. Die Maultiere, die das Gepäck tragen, sind anspruchsvoll. Die Last muß sorgfältig abgewogen, gleichmäßig auf beide Seiten des Packsattels verteilt werden. Sie darf auch nicht klappern; sonst werfen die geängstigten Tiere sie mit Gewalt ab. …“ „Ling-shi-hsien, 5. Mai 1906 Die Maultiere meiner Sänfte waren heute von einer Ausgelassenheit, die jeder Beschreibung spottet. Sobald ihnen ein weibliches Pferd oder Maultier entgegenkam, stellten sie sich unter die eine der langen Deichseln und versuchten die Sänfte abzuwerfen. Gelang das nicht, so gingen sie im Galopp auf das Tier los. Meine armen Treiber hatten Mühe, die erregten Tiere auf der hart am Abhang entlang führenden Straße im Zaum zu halten.“ Bis weit ins 20. Jahrhundert gehörten Schubkarren und Sänfte zu den wichtigsten Transportmittel in China. Auf dem Schubkarren beförderte man sowohl Lasten als auch Personen. Ein großes Rad unter dem Wagen und auf dem Wagen bis zu 4 Sitzplätze ergaben in der Summe eine Herausforderung an das Balanciervermögen des Karrenschiebers. Nicht selten kippte das Gefährt mitsamt Passagieren in den Dreck der Straße. Für weite Entfernungen oder „vornehme Reisende“ wurde eher der Tragestuhl oder die Sänfte benutzt. Wie die Fotografien und Texte des Ehepaares Fischer zeigen, gab es sowohl von Pferden (s. kleines Bild) bzw. Maultieren als auch von Menschen getragene Ausführungen der Sänfte.

B. CleverT. Nagel