Die Qual der Wahl

Bild der 39. Woche - 23. bis 30. September 2002

Meister der Heiligen Veronika / Meister von St. Laurentz, Christus am Kreuz mit Maria und sieben Aposteln, um 1415, Eichenholz, 176 x 245 cm, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 0014, sowie Details von Handdarstellungen
Kopf des Apostels Bartholomäus aus dem besprochenen Altarbild (links) sowie Kopf des Apostels Thomas (rechts) aus einem Altarflügel des Meisters von St. Laurentz (Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 0737)

Die Bundestagswahl 2002 ist nun "gelaufen", das Ergebnis steht fest. Manche sind zufrieden, andere enttäuscht, einige sogar verärgert. Das Regieren geht weiter, je nach politischer Haltung: so oder so. Auch die Kunstgeschichte wendet sich nun wieder dem Alltag zu. Doch manchmal kann man dem Thema "Wahl" auch beim tiefen Blick in die Geschichte nicht entgehen. Diese Altartafel mit der Darstellung von Aposteln unter dem Kreuz zeugt mehrfach von der "Qual der Wahl". Vorab jedoch zunächst einige allgemeinere Informationen zum ausgewählten Bild: Bei diesem um 1415 entstandenen Gemälde handelt es sich um die Mitteltafel eines Altares. Auch wenn sich die zugehörenden Flügel nicht erhalten haben, so weist die Anzahl der dargestellten Apostel – bzw. die Anzahl der fehlenden Apostel auf Altarflügel hin. Maria nicht mitgezählt stehen unter dem Kreuz 8 Apostel, es fehlen also vier. Den zu rekonstruierenden Flügelmaßen nach – sie sollten zugeklappt das gesamte Mittelbild verdecken – muß man auf den Flügeln mindestens je drei Personen annehmen. Die Apostel werden also durch weitere Heilige ergänzt gewesen sein, vielleicht zwei weibliche Figuren oder die zur Vierzahl noch fehlenden Evangelisten (Matthäus und Johannes gehören bereits zu den Aposteln). Der Malstil der Tafel ist ganz dem sogenannten "Internationalen" oder "Weichen Stil" verbunden. Die lasierend gemalten Gewänder fließen, die Farbigkeit ist von einnehmender Zartheit und Fröhlichkeit. Qual der Wahl I Nachdem die Deckkraft der Farben im Laufe der Zeit nachgelassen hat, sieht man dem Bild an, wie sich der Maler um die beste Komposition gequält hat. Mehrfach erkennt man Korrekturen. So hatte der Apostel Bartholomäus (s. Bild links) zunächst eine nach oben weisende Handhaltung. Im Endzustand des Bildes hält er sein Attribut, das Messer, mit gesenkter Handlinie. Weitere Hände wechselten ihr Aussehen. So erscheint heute die Hand des Apostels Philippus (s. Bild rechts) blau, da sie nachträglich über das bereits fertiggestellte blaue Gewand gemalt wurde. Qual der Wahl II Immer wieder wurde dieses spätgotische Gemälde dem in Köln um 1400 wirkenden, sogenannten "Meister der Heiligen Veronika" zugeschrieben. Diesen Notnamen erhielt er, weil man zwar Gemälde mit dem gleichen Malstil zu einer Werkgruppe ordnen, dem Oeuvre jedoch keine historische Persönlichkeit zuordnen kann. Sowohl malerische Qualität als auch die Komposition zeigen die enge Verbindung unserer Kreuzigungstafel mit dem Schaffen dieses Meisters. Das wäre also eindeutig – wenn es da nicht die Beobachtung gäbe, daß die Mehrzahl der gemalten Apostelköpfe die Handschrift eines anderen Meisters tragen, des Meisters von St. Laurentz. Der Vergleich mit Werken dieses Kölner Malers bezeugt dies eindeutig (s. kleines Bild). Wem soll man dieses Altarwerk also zuschreiben? Wer hat den größeren Anteil, derjenige, der die Komposition schuf, oder derjenige, der die meisten Apostel malte? Vielleicht vollendete der Meisters von St. Laurentz ein Bild seines kurz vorher verstorbenen Lehrmeisters? Soll man sich auf eine Wahl festlegen?

T. Nagel