Tôdaiji - Der Große Buddha

Bild der 31. Woche - 2. bis 9. August 1999

Die Reinigung des Großen Buddha am 7. Tag des 8. Monats

Das Bild des von Liliputanern bedeckten Gullivers auf seinen wundersamen Reisen scheint sich Jahr für Jahr bildlich zu vergegenwärtigen, wenn sich beim alljährlichen Reinigungsritual in Tôdaiji am 7. Tag des 8. Monats die weißgekleideten "Putzmänner" in Tragsesseln am Großen Buddha herunterlassen. Es sind ausgesuchte Personen: nur besonders gläubige Männer werden für dieses hohe, wenn auch ziemlich schmutzige Amt ausgewählt. Nebenbei müssen sie auch noch schwindelfrei sein, wie Fensterputzer an der Fassade eines Hauses auf der Höhe des sechsten Stockwerks. Die weißen Anzüge sind schnell schwarz. Hierzu trägt besonders der innere Hohlraum der Statue bei, der zugleich auch einen deutlichen Blick auf die zahlreichen Reparaturen bietet, denen der Große Buddha im Laufe der Jahrhunderte unterzogen werden mußte. Auf unserem Bild erkennt man sogar von außen, daß z. B. der Kopf des Großen Buddha aus anderer, glatterer, dunklerer Bronze besteht. Die ältesten Teile - z. B. der Lotos-Sockel - stammen von dem ersten Guß der Statue im 8. Jahrhundert. Ob das heutige Aussehen des Buddha die ursprüngliche, vergoldete Skulptur exakt widerspiegelt, ist heute nicht mehr zu ergründen. So gibt auch das im 8. Jahrhundert angewandte Gußverfahren immer noch Rätsel auf. Sicher ist jedoch, daß für den kaiserlich angeordneten Guß des Monuments ein wahrhaft gigantischer Aufwand betrieben wurde. Allein für die Bronzeherstellung von Skulptur und Sockel wurden mehr als 250 Tonnen Zinn und Kupfer benötigt (ca. fünfzig 7,5-t-LKWs). Nach letzten Untersuchungen (1991) nimmt man an, daß der kaiserliche Erlaß nach dem Guß "einen großen Berg abzutragen" keine Übertreibung darstellte. Erdaufschüttungen dienten als Brennöfen, um die monumentale Bronzeplastik in acht Abschnitten innerhalb von drei Jahren mit Hilfe eines Tonmodell zu gießen. Der Guß des Buddha Vairocana nach chinesischem Vorbild gehörte zum Konzept des Kaisers, das Land über eine Staatsreligion zu einigen, und so die kaiserliche Macht gegenüber dem Adel zu stärken. Die Bereitschaft der Bevölkerung, den Bau zu unterstützen, war auch ohne den kaiserlichen Appell, mindestens "einen Grashalm oder eine Handvoll Erde" beizusteuern, groß. Sie erklärt sich aus dem Heilshoffen einer unsicheren Zeit voller Katastrophen, sowohl politischer als auch natürlicher Art. Bis weit über die Grenzen des Landes erregte die Augenöffnungszeremonie am 8. Tag des 4. Monats im Jahr 752, dem Geburtstag des historischen Buddha Shakyamuni, Aufmerksamkeit. über 10.000 Mönche - einer davon sogar aus Indien, wie die Quellen stolz berichten - sollen die Strapazen und Gefahren der weiten Anreise nicht gescheut haben, um an der Zeremonie teilzunehmen. Mit einem Pinsel, der noch heute im kaiserlichen Schatzhaus aufbewahrt wird, wurden der erst teilweise feuervergoldeten Figur mit Tusche Pupillen in die Augen gemalt. Damit war die Statue "beseelt". Aktiv an der Augenöffnung teilnehmen konnten neben dem Kaiser auch zahlreiche andere Würdenträger, indem sie ein langes Seil, das an dem Pinsel befestigt war, festhielten). Selbst heute noch, in der Zeit der "Wolkenkratzer" ist die monumentale Skulptur des Große Buddha beeindruckend. Wie viel mehr muß diese Größe auf den Pilger in einer Zeit gewirkt haben, in der sie freistehend ganz überraschend zwischen den hohen, grünen Bäumen auftauchte. Entgegen der üblichen Regel erhielt der Große Buddha erst Jahre nach seiner Fertigstellung sein maßgeschneidertes Haus (s. BdW 26/1999). Mehrmals in der Geschichte wurde die Statue beschädigt. Die technischen Schwierigkeiten begannen bereits 100 Jahre später, als der Kopf des Großen Buddhas bei einem Erdbeben herabfiel. Als die Statue im Kriegsfeuer des 12. Jahrhunderts zur Hälfte zerschmolz, war das Wissen um den Guß völlig verloren gegangen. Chinesische Fachgießer mußten zu Hilfe gerufen werden, da die Einheimischen sich nicht in der Lage sahen, den Buddha neu zu gießen. Nach der zweiten Zerstörung der Halle während der Kriegswirren des 16. Jahrhunderts stand der Buddha, selbst schwer mitgenommen, fast ein Jahrhundert im Freien. Erst Ende des 17. Jahrhunderts konnte die Statue repariert und teilweise neugegossen werden. Auf diese Zeit geht das heutige Äußere des Buddhas und der Halle zurück. Das Schicksal des Großen Buddha spiegelte mit seiner Geschichte von Zerstörung und unermüdlichem Wiederaufbau die innere Situation Japans wider. Der massive Antrieb zum Aufbau, durch die Jahrhunderte getragen und gefördert von allen Bevölkerungsteilen, liefert ein eindrucksvolles Beispiel für das tiefe religiöse Empfinden, das diesen gemeinsamen Einsatz möglich machte. Im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst waren in der Zeit vom 11. September bis 10. November 1999 als einzige europäische Station Kultschätze aus dem Tôdaiji zu sehen. Ausführlichere Informationen zur Geschichte des Großen Buddha enthält der Katalog der Ausstellung. Die Serie wird fortgesetzt.

B. Clever