Zwischen den Gipfeln ist Ruh'

Bild der 23. Woche - 7. Juni bis 14. Juni 1999

Der Gürzenich von Südosten, 1827, Lithographie von A. Wünsch nach einer Zeichnung von J. P. Weyer, 25 x 20 cm; Kölnisches Stadtmuseum

Seit etwa einem Jahr wächst in Köln in der Nachbarschaft des Gürzenich der Neubau des Wallraf-Richartz-Museums. Das 1824 mit dem Vermächtnis des Klerikers Ferdinand Franz Wallraf ins Leben gerufene Museum erhält damit seine fünfte Heimat. Zunächst im Kölner Jesuitenkolleg untergebracht erhielt die Sammlung 1861 den ersten, mit den Mitteln des Kaufmanns Richartz erbauten Museumsneubau an der Rechtschule. An gleicher Stelle wurde nach den Plänen des Architekten Rudolf Schwarz Ende der fünfziger Jahre ein neuer Museumsbau errichtet, da das alte Haus im 2. Weltkrieg total zerstört worden war. 1986 bezog das Museum in Gemeinschaft mit dem 1976 gegründeten Museum Ludwig den großen Museumsneubau am Rheinufer. Mit der Picasso-Stiftung des Ehepaares Ludwig wurde schließlich 1994 die Bedingung verknüpft, das große Gebäude nur noch dem Museum Ludwig zur Verfügung zu stellen, eine Entwicklung, welche sich schon lange zuvor darin geäußert hatte, daß das Doppelmuseum selbst in den Verlautbarungen der Stadt nur noch als Museum Ludwig bezeichnet wurde. Nun entsteht direkt im Herzen der Stadt, auf einem seit der Römerzeit und durch alle Jahrhunderte kulturell bedeutenden Grundstück das neue Domizil der Mutter aller Kölner Museen. Neben Gürzenich und Rathaus, in unmittelbarer Nachbarschaft des Kriegsmahnmals der Ruine von St. Alban, einer im Krieg zerstörten, mittelalterlichen Kirche, erhält das Museum endlich wieder ein seiner Bedeutung als international anerkannte Gemäldegalerie und Kölner Schatzhaus angemessene Behausung. Das von Oswald Matthias Ungers entworfene Gebäude feierte am 2. Juni Richtfest und wird aller Voraussicht nach Anfang Mai nächsten Jahres eröffnet. Die Lage des neuen Wallraf-Richartz-Museums hat jedoch auch zur Folge, daß der aufstrebende Neubau in den Trubel um die Gipfeltreffen in Köln einbezogen wird. Er selbst kann den Staatschefs noch nicht als repräsentativer Tagungsort dienen, muß jedoch schon aus Sicherheitsgründen in die Gipfelplanungen mit einbezogen werden. Während der Gipfeltreffen ruhen daher die Arbeiten auf der Baustelle. Blumen verschönern den spartanischen Eindruck des Rohbaues und eine mit der virtuell erzeugten Fassadenansicht bedruckte Plane soll den vorbeifahrenden hohen Gästen vor Augen führen, wie der fertige Bau demnächst aussehen könnte. Andererseits hoffen die Kölner, daß er besser aussehen wird als dieses mit EDV-Hilfe erzeugte Modell in Originalgröße. Die erzwungene Ruhe auf der Baustelle zwischen Abschluß des Rohbaues und Beginn des Innenausbaues wirkt wie ein Vorgriff auf die kontemplative Ruhe, welche in den Hallen einer Gemäldegalerie beheimatet ist und sich aus der Aura jahrhundertealter Kunstwerke speist. Die aus Sicherheitsgründen völlig leergeräumten großen Räume haben noch keine Innenwände und entfalten in ihrer vom Architekten aus der Vierung der benachbarten Kirche entwickelten Proportionen eine faszinierende Wirkung - den Gipfeln sei Dank

T. Nagel