Auf dem Gipfel des Ruhms

Bild der 22. Woche - 31. Mai bis 7. Juni 1999

Der Gürzenich von Südosten, 1827, Lithographie von A. Wünsch nach einer Zeichnung von J. P. Weyer, 25 x 20 cm; Kölnisches Stadtmuseum
Der Gürzenich-Saal, 1911. Festlich geschmückt für den Empfang des Kaisers Wilhelm II.

Im Juni dieses Jahres erlebt die Stadt Köln einen besonderen stadtgeschichtlichen Höhepunkt, treffen doch die Staats- und Regierungschefs der führenden Nationen der Welt in Köln zusammen. Wichtigster Veranstaltungsort wird neben dem Museum Ludwig der Gürzenich sein. Dieses Gebäude hat als "Gute Stube" der Stadt eine mehrere Jahrhunderte alte Tradition und wurde immer wieder zum Schauplatz historisch bedeutender Ereignisse. Seit dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert sah der Festsaal im Obergeschoß Reichstage, Kaiserempfänge und glanzvolle Feste. Zu prächtigen Empfängen weilten in ihm 1474 die Kaiser Friedrich III. und 1486 Maximilian I., der 1505 einen Reichstag auf dem Gürzenich abhielt. Auch Kaiser Karl V 1520 kam nach seiner Königskrönung in Aachen nach Köln, wo der feierlichen Huldigung ein Fürstentanz auf dem Gürzenich folgte. Anlässlich des Kurfürstentages bot der Gürzenichsaal 1531 für fast drei Jahrhunderte zum letztenmal ein prunkvolles Bild, denn mit der schwindenden Größe des reichsstädtischen Kölns waren auch die Gürzenich-Festlichkeiten zu Ende. Von der Mitte des 16. Jahrhunderts an diente der Gürzenich vornehmlich als Lager- und Warenhaus. Eine neue Glanzzeit begann für das "Festhaus Gürzenich" mit dem 19. Jahrhundert. Den ersten Anstoß gab der Niederrheinische Musikverein, der 1821 sein Musikfest erstmals in dem Gürzenichsaal veranstaltete. Von da an blieb der Gürzenich mit der Musikgeschichte Kölns aufs engste verbunden; hier dirigierten Felix Mendensohn Bartholdy, Hector Berlioz, Johannes Brahms und Richard Strauß, um nur die bekanntesten zu nennen. Der 1822 mit großem Erfolg erstmals im Gürzenich veranstalte Rosenmontagsball, trug entscheidend zur Wiederbelebung des kölnischen Karnevalfestes bei. 1848 tagten Erzherzog Johann und König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen im Gürzenich. 1858 besuchte Königin Viktoria von England das Bauwerk. Zu erwähnen sind weiterhin der Kaiserbesuch von Wilhelm II. im Jahre 1911 (s. kleine Abbildung). Daß sich Hitler 1935 ebenfalls im Gürzenich "als Befreier der Rheinlande" feiern ließ, soll nicht verschwiegen werden. Den ersten großen Empfang nach dem Krieg gab die Stadt zu Ehren des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle mit Bundeskanzler Konrad Adenauer. Mit dem diesjährigen Gipfeltreffen der internationalen Spitzenpolitiker wird der Kölner Gürzenich erneut im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit stehen. Baugeschichtlich ist der Gürzenich, neben dem Rathaus, der bedeutendste gotische Profanbau Kölns. Er wurde in den Jahren 1441-1447 als "der Herren Tanz- und Festhaus" vom Kölner Rat für 80.000 Gulden errichtet. Seinen Namen erhielt er von dem Rittergeschlecht derer von Gürzenich, die lange zuvor, im frühen 13. Jahrhundert an dieser Stelle ein Anwesen besaßen. Äußerlich gleicht der Gürzenich einem ins Monumentale gesteigerten gotischen Patrizierhaus. Das bis heute erhaltene Erscheinungsbild der Fassaden, das einzige, das noch aus der Entstehungszeit erhalten ist, macht den ausgeprägten Bürgerstolz der damals etwa 50.000 Einwohner Kölns deutlich. Im 19. Jahrhundert wurde der Gürzenich erweitert und umgebaut. Julius Raschdorff renovierte 1854 das traditionsreiche Bauwerk und gab dem Festssal eine dreischiffige Gestalt. 1943 wurde der Gürzenich bis auf seine Außenmauern völlig zerstört. 1952/53 erfolgten der Wiederaufbau und eine Erweiterung durch Rudolf Schwarz und Karl Band. Der Fassade des gotischen Gürzenich schließt sich die moderne Fassade des 50er Jahre-Ergänzungsbaus an. Nach fast zweijähriger Bauzeit wurde 1997 die Modernisierung des Gebäudes abgeschlossen. Der neue gläserne Außenaufzug an der Südseite des Gürzenich bildet einen reizvollen Kontrast zu dem altehrwürdigen Gebäude mit seinem unverwechselbaren historischen Charakter. Die oben gezeigte Lithographie von A. Wünsch entstand 1827 nach einer Zeichnung von J. P. Weyer. Dieser hatte sie zur Illustration seines Bildbandes "Sammlung von Ansichten öffentlicher Plätze, merkwürdiger Gebäude und Denkmäler in Köln" angefertigt.

B. Herrmann