Franz Gertsch, Marina schminkt Luciano

Bild der 6. Woche - 2. bis 9. Februar 1998

Franz Gertsch (geboren 1930 in Mörigen bei Bern) Marina schminkt Luciano, 1975, Acryl auf ungrundierter Baumwolle, 234 x 346,5 cm, Sammlung Ludwig, ML 1264

Auf den ersten Blick erinnert Franz Gertschs Gemälde "Marina schminkt Luciano" von 1975 an Fotografien von Wolfgang Tillmans, Larry Clark oder Nan Goldin aus den achtziger und neunziger Jahren: gemeinsam ist den Werken das Interesse am Bild des Menschen, wobei es sich um junge Leute handelt, die nonkonformistisch leben und geschlechtliche Festlegungen in Frage stellen. Während sich die Fotoarbeiten zwischen Selbstinszenierung und dokumentarischer Authentizität bewegen, geht es in dem Bild von Gertsch um das Spannungsfeld von Realität und Abstraktion, von einer den Betrachter unmittelbar konfrontierenden Darstellung und konzeptueller Vorgehensweise. Der Künstler sucht aus einer Serie von ihm selbst fotografierter Aufnahmen eine ihn kompositorisch überzeugende heraus, projiziert sie als Dia auf die Leinwand und malt sie fotorealistisch nach. Dabei verwendet er kleine Pinsel, mit denen er in einer fast pointillistischen Malweise Farbtupfer neben Farbtupfer setzt. Vor dem künstlichen Licht der Diaprojektion behandelt er jedes Detail auf der Leinwand gleichwertig. Das flächige Foto gibt die Perspektive im Bild vor und nicht etwa tatsächlich beobachtete Räumlichkeit. Selbst in der Fotovorlage implizierte Unschärfen oder von der Realität abweichende Farben überträgt Gertsch in das gemalte Bild. Durch die von ihm angewandte Technik wirkt das Gemälde trotz der realistischen Darstellung übersteigert und künstlich. Das Format und die starke Vergrößerung erwecken Assoziationen an Kinoleinwände und Plakate. Bei näherem Herantreten lösen sich die abgebildeten Gegenstände in abstrakte Farbformationen auf. Links auf dem Gemälde steht Marina mit zurückgekämmten Haaren und beugt sich über Luciano um ihn zu schminken. Zwischen 1971 und 1977 porträtiert Gertsch den Künstler Luciano und dessen Freundeskreis in zahlreichen Werken, denen jeweils Fotoserien vorausgingen. Trotz seines Interesses am Habitus, an der Ablehnung männlicher oder weiblicher Zuschreibung der einzelnen, der Lust an der Selbstdarstellung und Verkleidung, bleibt Gertsch eher der außenstehende Beobachter. Die Betrachterperspektive verdeutlicht den voyeuristischen Aspekt: Der Bildausschnitt erscheint wie durch ein Schlüsselloch betrachtet. Marina und Luciano sind so nah "herangeholt" und aufeinander konzentriert, daß der Betrachter außerhalb des Bildgeschehens verwiesen wird und dort den Kopf, ähnlich wie Luciano, in Richtung Marina erhebt. Bei der Rückverwandlung des Gemäldes in eine fotografische Reproduktion, ist es als solches kaum wiederzuerkennen. Die digital gescannte und auf dem Computerbildschirm erzeugte Reproduktion rastert das Bild wiederum in abstrakte, nebeneinanderstehende Farbpixel auf und macht es zu einer künstlichen und immateriellen Erscheinung.

C. Funke