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Bild der 11. Woche - 14. März bis 20. März 2022
Am 16. Mai 1990 zeichnete der Kölner Künstler Gunter Demnig (geb. 1947, seit 1985 in Köln) mit Lackfarbe und einer selbst gefertigten Druckwalze den Weg nach, der 50 Jahre zuvor Kölner Sinti*zze und Rom*nja zum Bahnhof Deutz-Tief führte. Zwischen dem 16. und dem 21. Mai 1940 waren rund 1 000 Sinti*zze und Rom*nja in Köln zusammengetrieben und von Deutz aus in Viehwaggons in das von Deutschland besetzte Polen deportiert worden.
Seit im späten Mittelalter die ersten Sinti*zze und Rom*nja nach Europa gelangt waren, war man ihnen mit Misstrauen und Abneigung begegnet. Bereits in der Weimarer Zeit gab es eine Reihe von Gesetzen, die die Bewegungsfreiheit dieser Minderheit einengten und sie unter verschärfte Überwachung stellten.
Mit der NS-Herrschaft wurde die Stellschraube noch enger gezogen. Die rassistische Gesetzgebung gegen Jud*innen wurde auch auf die Gruppe der Sinti*zze und Rom*nja übertragen, so 1935 die »Nürnberger Gesetze« oder das »Erbgesundheitsgesetz«. 1936 gab es gar einen gesonderten Erlass zur »Bekämpfung der Z*geunerplage“. Zuständig war die Kriminalpolizei. Wie auch die Jud*innen erlebten Sinti*zze und Rom*nja eine allmähliche Entrechtung und den Entzug ihrer Lebensgrundlagen.
Der nächste Schritt war die Einrichtung von Lagern. In Köln befand sich dieses in Ehrenfeld, auf einem Sportplatz an der Venloer Straße. 500 Menschen wurden hier zusammengepfercht, hinter Stacheldraht und von einem SS-Mann bewacht.
Schon im September 1939 wurden von der NS-Führung große Deportationen in den Osten beschlossen, die dann im Mai 1940 umgesetzt wurden. 6 000 Sinti*zze und Rom*nja aus fast ganz Deutschland sollten von drei zentralen Sammellagern, von denen eines in Köln lag, aus deportiert werden. Am frühen Morgen des 16. Mai wurden in Köln lebende Sinti*zze und Rom*nja festgenommen bzw. vom Lager in Ehrenfeld aus in das Messegebäude auf der anderen Rheinseite gebracht. Das ist der Weg, den Demnig nachging und -zeichnete. Mittlerweile ist die Spur an einigen Stellen des Weges mit Hilfe von Sponsoren als Messingspur ins Pflaster eingelassen, so auch vor dem Zeughaus, wo Demnig die erste Messingspur verlegte.
In der Kölner Messe trafen im Laufe des 16. Mai 1940 Transporte aus der ganzen Rheinprovinz ein. Allen wurde eine Nummer in die Haut gestempelt. Vom Bahnhof Deutz-Tief aus wurden fünf Tage später, am 21. Mai, 938 Personen, darunter 412 aus Köln, in Viehwaggons in die Konzentrations- und Vernichtungslager im «Generalgouvernement«, also im besetzten Polen, deportiert. Später sollten weitere Deportationen folgen. Insgesamt wurden aus Köln 642 Sinti*zze und Rom*nja deportiert. Nur etwa 100 von ihnen haben die Lager überlebt.
Allerdings war damit ihre Diskriminierung nicht zu Ende. Die NS-Akten über die Erfassung und Deportation der Kölner Sinti*zze und Rom*nja hatten die Kriegszerstörungen überstanden und wurden auch in der Bundesrepublik von der Polizei weiterhin genutzt.
R. Wagner