Trunken von Gott

Bild der 26. Woche - 1. Juli bis 7. Juli 2019

Gilbert & George, Drunk with God, 1983, 176 Teile, Schwarzweißfotografien mit Acryl übermalt, 428 x 1102 cm, Museum Ludwig (Foto: RBA)

Das großformatige Werk gehört zu der Serie „The Believing World“, die Gilbert & George Anfang der 1980er Jahre beginnen. Dabei werden die Kompositionen Abschnitt für Abschnitt geplant, fotografiert, von Hand koloriert und die farbig bemalten Fotografien dann arrangiert. Alle Größenverhältnisse werden außer Acht gelassen. Die sehr bunten, fast halluzinogenen Farben erinnern vage an bunte Glasfenster, während die vereinfacht dargestellten Objekte Werke der Pop-Art zu zitieren scheinen. Doch was ist hier eigentlich dargestellt?

Der Titel – in deutscher Übersetzung eher „Betrunken mit Gott“ als „Trunken von Gott“ – verweist auf den antiken Gott des Weins und der sexuellen Potenz, Bacchus. Entsprechend ekstatisch wirkt das Werk auch, denn Trunkenheit und das damit verwandte Thema von Rausch tauchen immer wieder auf. In Form von Alkohol und Drogen, aber auch als Schlüssel und Geld, die im Rausch verloren gehen. Dazwischen Elemente wie der Union Jack, menschliche Exkremente und blutrote, Gewalt evozierende Farbströme, die sich einer Einordnung entziehen. Darunter platzieren Gilbert & George eine Phalanx junger Männer aus dem Londoner East End, die eine Stadtkulisse bevölkern und vielleicht Objekte der Begierden sind. Schließlich erscheinen die beiden selbst. Als Weltenschöpfer oder Demagogen mit grünen Feuerströmen, zwischen den Symbolen entlang hetzend oder als prophetische Erscheinungen am oberen Bildrand. Sie sind es, die Themen wie Homosexualität und Sucht zu einer Öffentlichkeit zu verhelfen.

Gilbert & George, in der Kunst wie im Leben ein Paar, sind davon überzeugt, dass Kunst eine gesellschaftliche Aufgabe hat und Veränderungen anstoßen kann. Sie selbst agieren bereits in den 1960er Jahren als „Lebende Skulpturen“. In den 1980er Jahren avancieren die einstigen enfants terribles des Kunstbetriebs zu gefeierten Stars der neuen britischen Kunst. 1984 erhalten sie den ersten Turner Prize, ein Jahr zuvor entsteht dieses Werk. Es als Blasphemie zu brandmarken, wäre falsch. Gott ist bei Gilbert & George ein lebensbejahender Erlöser, der die menschliche Existenz kennt.

M. Hamann