Ein Blick nach Brüssel

Bild der 23. Woche - 10. Juni bis 16. Juni 2019

Hercules Seghers: Blick auf Brüssel von Nordosten, zwischen 1625 und 1630. Öl auf Eichenholz, 24,5 x 39 cm. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv.-Nr. Dep. 249;  seit 1961 Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland (Foto: RBA)

Dieser Tage blickt ein großer Teil Europas nach Brüssel. Immerhin werden dort nach der Wahl zum Parlament die Spitzenpositionen neu vergeben und damit entscheidende Weichenstellungen für die kommenden Jahre gestellt. Ob die Aussichten dabei in ähnlich goldenem Licht erscheinen wie auf unserem Bild der Woche, wird sich noch zeigen. Aber Brüssel ist natürlich auch längst schon keine malerische Idylle mehr, so wie sie hier bei Hercules Seghers erscheint.

Die Mauern und Häuser der Stadt errheben sich hinter einem sanft ansteigenden Hügel. Im Mittelpunkt erscheint die gotische Kirche, direkt hinter der turmbewehrten Mauer gelegen. Seghers wählt einen tiefen Horizont, so dass der blaugraue Himmel die Komposition beherrscht. Durch die Wolkenschleier fällt von links das Licht auf die tonigen Braunflächen des Vordergrunds, auf Büsche und Bäume sowie die roten Dächer im Mittelgrund. Mitunter lässt es die Landschaft fast golden leuchten. Seghers taucht seine Stadtansicht in warme, erdige Farben, deutet die Umrisse nur an und verwischt die Gegenstände. So erscheint Brüssel in einer malerischen Atmosphäre, ganz von einer gedeckten Farbpalette bestimmt.

Die Stadtansicht ist in der zeitgenössischen holländischen Landschaftsmalerei singulär. Seghers ist einem heutigen Publikum vor allem durch seine Radierungen bekannt, Gemälde haben sich nur in geringer Zahl erhalten. Hercules Seghers (1589/90 - 1633), Sohn eines Emigranten aus Flandern, der sich in Haarlem niedergelassen hatte, kannte die zahlreichen Tal- und Panoramalandschaften der Zeit um 1600. Doch er lässt die Überblickslandschaften, wie das große Vorbild Pieter Bruegel d. Ä. sie geschaffen und noch sein Lehrer Gillis van Coninxloo sie erfolgreich auf Leinwand gebracht hatte, hinter sich. Seine Bildausschnitte und Landschaftskompositionen, die zumeist als Farbradierung entstehen, sind kühner und malerischer. Es kann nicht Wunder, dass sich wenige Jahre später ein so radikaler Geist wie Rembrandt (1606 - 1669) daran ein Vorbild genommen hat.

M. Hamann