Erdbeeren für die Wand

Bild der 48. Woche - 1. Dezember bis 7. Dezember 2014

Adriaen Coorte, Stillleben mit Erdbeeren, 1704
Papier auf Leinwand,28 x 21,5 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM Dep. 0962

Edouard Manet, Spargelbündel, 1880
Öl Leinwand, 46 x 55 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Dep. 0318

Eine einfache unglasierte Terrakottaschale über randvoll gefüllt mit leuchtend roten Erdbeeren. Die Schale steht auf einem massiven Steintisch, dessen sauber bearbeitete Kanten einen Riss und kleinere Beschädigungen aufweisen. Als Verzierung steckt ein kleiner Erdbeerzweig mit einer Blüte und zwei Fruchtansätzen in den Erdbeeren. Links neben der Schale liegen drei einzelne Erdbeeren und ein weiterer Zweig. Auf die Schale und den Tisch fällt von links oben ein helles Licht, das den ansonsten dunklen Hintergrund des Bildes rechts oben leicht aufhellt. Das Bild ist auf dem Sockel der Steinplatte mit „A. Coorte 1704“ signiert.

Über das Leben des Malers dieses Bildes, Adriaen Coorte, ist praktisch nichts bekannt, sowohl Geburt als auch Tod liegen im Dunkel. Lediglich die Schaffensperiode von 1683 bis 1707 ist durch die Datierung seiner Werke nachvollziehbar. Die Tatsache, dass die meisten Werke Coortes zuerst bei Sammlern im Raum Middleburg belegt sind, lässt vermuten, dass er in dieser Gegend gearbeitet hat. Dafür spricht auch ein Eintrag der Lukasgilde in Middleburg über eine Geldstrafe für den unerlaubten Verkauf von Bildern durch Coorte, ohne Mitglied der Gilde zu sein.

Ende des 16. Jh. lösten sich die calvinistischen Nordprovinzen der Niederlande vom katholischen Spanien und schlossen sich zur Republik der Sieben Vereinigten Niederlande zusammen. Diese Republik entwickelte sich im 17. Jh. zur führenden Wirtschaftsmacht und erlebte das „goldene Zeitalter“. Die breite, reich gewordene Händler- und Bürgerschicht wollte, wie zuvor der Adel, ihren Status zur Schau stellen, was die Nachfrage nach repräsentativer Malerei rasch in die Höhe trieb. Das Interesse an der Beschreibung der sichtbaren Welt und auch das calvinistische Bilderverbot ließ neben der Porträtmalerei weltliche Gattungen wie Landschaften und Stillleben in den Mittelpunkt treten. In diese weltlichen Themen mischen sich aber immer wieder Anspielungen auf Tod und Vergänglichkeit. Am Ende dieser Periode stehend malte auch Coorte in dieser Tradition, wie in unserem Bild der tiefe Riss in der Steinplatte.

Adriaen Coorte hat ein in der Reduktion auf ein Sujet schon modern wirkendes Bild gemalt, das sich von den opulenten zeitgenössischen Stillleben abhebt. Andererseits sind die Bilder akribisch und detailversessen bis ins Kleinste ausgeführt, jedes Samenkorn auf den Erdbeeren, jedes Staubgefäß auf der Blüte, jede Schrunde des Tischs ist deutlich erkennbar. Die gemalten Erdbeeren, es handelt sich um eine kleinbeerige Wildsorte, die einzige Sorte, die in der Zeit Coortes auch kultiviert wurde, stellen in ihrer Fülle sicher eine kleine Kostbarkeit dar. In anderen Versionen wird die einfache Terracottaschale noch durch eine kostbare chinesische Schale ersetzt, damit kommt Coorte sicher den Erwartungen seiner Kundschaft nach einem in aller Bescheidenheit doch repräsentativen Bild entgegen. Das Gleiche trifft wohl auch auf das Motiv zu, das Coorte neben den Erdbeeren am häufigsten abgebildet hat, den Spargel, auch damals ein Luxuslebensmittel, dargestellt in großen mit einer Weidenrute gebundenen Bündeln.

Eduard Manet hat knapp 200 Jahre später ein im Sujet ähnlich reduziertes Stillleben gemalt, das Spargelbündel von 1880. Zwar stimmt der dunkle, nach rechts oben aufgehellte Hintergrund mit dem Bild von Coorte überein, dagegen hat sich die detailverliebte realistische Darstellung radikal zu einer impressionistischen Malweise verändert, indem die feinen Details zugunsten des Gesamteindrucks zurücktreten.

H. Bachem