(K)Ein Kölner Original!? – Zum zehnten Todestag von Hermann Götting

Bild der 38. Woche - 22. September bis 28. September 2014

Manfred Fenner, Mantel aus Plus-Plastiktüten mit passender Krawatte, 1990er Jahre, Köln, Kölnisches Stadtmuseum, KSM 2000/17.

Reklame-Leuchtschrift "4711" vom Kölner Messeturm, 1967, 4 x 8 m, Gewicht 1,5 t, Köln, Kölnisches Stadtmuseum

Ein Kölner Original wollte Herrmann Götting nie sein: „‚Originale‛ waren in meiner Jugend Bürger, die heute ummauerte Anstalten kaum mehr verlassen dürfen“, schrieb er in seinen Lebenserinnerungen. Und obwohl er nicht mal gebürtiger Kölner war, konnte er sich dieser Zuschreibung nie wirklich erwehren. Wahrscheinlich lag es daran, dass er nicht nur ein etwas skurriles Hobby hatte, sondern auch bei seiner Kleidung eher auf ungewöhnliche Stücke zurückgriff. Dieser Mantel aus Plustüten stammt von dem Designer Manfred Fenner. Götting sah ihn auf einer Kölner Modenschau und setzte alles daran, die Kleidung gewordene Provokation zum Thema Konsumkultur in seinen Besitz zu bekommen: „Am Rudolfplatz kam es zu Auffahrunfällen, wenn ich plustütenumweht über die Straße eilte.“

Doch in allererster Linie war Götting Sammler von Alltagsgegenständen. Alles, was ihm irgendwie zwischen die Finger kam und ihm aufbewahrungswürdig erschien, behielt er: Leuchtreklamen, Vasen, Möbel und ganze Ladeneinrichtungen befanden sich in seiner Sammlung. Götting wurde zum Bewahrer (nicht nur) der kölnischen Alltagskultur. Die Räume seiner Wohnung in der Richard-Wagner-Straße 4 waren im Stil der 1950er, 1960er, im Art deco und Biedermeier eingerichtet.

Obwohl er chronisch pleite war, vergrößerte sich seine Sammlung ständig. Daran änderte auch der Verkauf einiger Stücke in den 1970er Jahren in größter Geldnot nichts. Im Dezember 1985 schlug eine von Göttings größten Stunden: Auf 800 Quadratmetern präsentierte der Kölnische Kunstverein zahlreiche Stücke seiner Sammlung. Die Ausstellung war ein großer Erfolg und lockte in sechs Wochen 35.000 Besucher an. Seine Bekanntheit bescherte ihm noch mehr Schenkungen und Angebote, bis die Kellerräume so voll waren, dass die Mitarbeiter der Stadtwerke die Zähler zum Ablesen nicht mehr erreichten. Mit etwas Glück gelang es Götting, dass ihm seitens der Stadt Köln zwei Lager zur Verfügung gestellt wurden: ein Pfeiler der Zoobrücke und der Bunker in der Elsaßstraße. Göttings Ziel war es, seine Sammlung dauerhaft in Köln zu präsentieren. Als Götting einen Verkauf der Sammlung an das Haus der Geschichte in Bonn ausschlug, drohte ihm ein einflussreicher Kölner: „Ein Museum Götting wird es in Köln nicht geben.“

Völlig unerwartet starb Götting am 20. September 2004 an den Folgen einer verschleppten Lungenentzündung. An der Beerdigung auf Melaten am 29. September nahmen rund 800 Menschen teil. Sein Sarg war zuvor auf einer von einem großen Trauerzug begleiteten Pferdekutsche von der Friesenstraße über die Aachener Straße zum Friedhof gebracht worden.

Zu diesem Zeitpunkt waren seine Lager bis zum Bersten gefüllt. Ein Verzeichnis der Objekte existierte nicht. Während in der Stadt Köln diskutiert wurde, wie man mit der Sammlung verfahren solle, sicherte sich das Museum für Angewandte Kunst in Gera über 1.000 hochkarätige Stücke aus Göttings Wohnung. Einige Objekte erwarb auch das Haus der Geschichte, andere – wie zum Beispiel viele historische Kölner Leuchtreklamen – kamen ins Kölnische Stadtmuseum, das auch weitere Teile des persönlichen Nachlasses übernahm. Erst vor wenigen Wochen kam die 4x8 Meter große und rund 1,5 Tonnen schwere 4711-Reklame, die von 1967 bis 1995 am Kölner Messeturm hing (s. Bild rechts) und deren aufwändige „Rettung“ Götting in seinen Memoiren schildert, in den Bestand des Kölnischen Stadtmuseums. Kurz vor seinem zehnten Todestag wurde Göttings Verdienst für den Erhalt der Kölner Alltagsgeschichte so nachträglich Rechnung gezollt. Ein „Denkmal“ – wie es der exzentrische Sammler 1986 prophezeite – hat die Stadt ihm bislang jedoch nicht gesetzt.

Für die große und diffuse Sammlung – zehntausende Objekte, 20 komplette Ladeneinrichtungen, Ausstattungen von 40 Handwerksbetrieben, 160 Leuchtreklamen, hunderte Vasen, Stühle, Schränke usw. – war in den Depots des Stadtmuseums aber kein Platz. Das Lager in der Elsaßstraße ist inzwischen schon lange geräumt und auch das Depot in der Zoobrücke ist so gut wie aufgelöst. Mit der Sammlung Götting ist passiert, was das „Original“ selbst nie wollte und stets zu verhindert wusste: Sie wurde in alle Himmelsrichtungen verstreut.

S. Pries