Recht, Hund und Hase

Bild der 45. Woche - 10. November bis 16. November 2014

Rolf Escher (geb. 1936), Buch aus Verfassung und Verwaltung, mit großer Initiale unter der Lupe, 2012, Graphit und Farbstifte, 38 x 56 cm
Foto: Rolf Escher

Das überall präsente diesjährige Weltkriegsjubiläum lässt fast vergessen, dass auch Friedensschlüsse epochemachend wirken konnten. Die Kölner haben Ende des 14. Jahrhunderts einen inneren Frieden geschlossen, der eine lange Zeit auch blutig ausgetragener Konflikte zwischen den Bürgern beendete. Mit dem sogenannten Verbundbrief von 1396 schufen sie sich eine Art von Verfassung, die eine Wiederholung solcher Konflikte vermeiden helfen sollte. Recht sollte künftig vor Gewalt gehen, und der innere Friede zwischen allen Bürgerinnen und Bürgern wurde damals zum einem der höchsten Güter der Kölner. Ein wichtiges Mittel dazu war die schriftliche Fixierung rechtserheblicher Tatsachen und Umstände in Urkunden, Akten und Amtsbüchern.

Solche Informationen schützen den inneren Frieden einer Gesellschaft, weil Konflikte auf den Weg der Gerichte und des klaren Beweises verwiesen werden können. Auch dies ist ein Gedanke, der sich in Köln schon früh findet. Das Kaiserrecht, also diejenigen Rechtssetzungen, die man damals auf die Kaiser und vor allem Karl den Großen zurückführte, wird in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts mit einer Schmuckinitiale eingeleitet, in deren Mitte ein Hund einen Hasen jagt. Wahrscheinlich soll der Hase hier den wehrlosen Menschen darstellen, der vor der durch den Hund dargestellten Gewalt flieht und sich letztlich unter den Schirm der Gesetze flüchtet. Denn eingeleitet wird die Handschrift mit der fiktiven Erzählung, der Kaiser habe sich mit den weisesten Männern beraten, um einen Weg zu finden, das Recht gegen Arglist und böse – man möchte ergänzen: gewalttätige – Leute zu schützen.

Rolf Escher hat dieses Motiv aus dem Historischen Archiv der Stadt Köln in einen Zyklus von etwa 90 Zeichnungen und Radierungen aufgenommen, die eine Brücke zwischen den nach dem Einsturz von 2009 geborgenen und restaurierungsbedürftigen Dokumenten auf der einen und Kunstwerken, historischen Bauten und exemplarischen Motiven aus dem Kölner Stadtbild auf der anderen Seite schlagen. Der Künstler konfrontiert uns mit der oftmals zunächst versteckten Schönheit und dem besonderen Anmut der Archivalien, die in den ersten Momenten nach dem Einsturz des Archivgebäudes zerstört und damit als Stück selbst historisch und von Ereignissen geprägt worden schienen.

Er zeigt, dass ein Stadtarchiv nicht ohne seine Stadt, ihre Geschichte, Bauten, Kunstwerke und Einwohner sein kann – und umgekehrt. Wer eine Stadt, eine Stadtgesellschaft, ihr politisches, wirtschaftliches und kulturelles Leben verstehen will, benötigt Kenntnisse ihrer Geschichte. Wer ihre Zukunft gestalten will, kommt nicht ohne das Fundament der Vergangenheit aus. Der besondere Blick des Künstlers führt neue Blickwinkel und Facetten des historischen Gedächtnisses Kölns vor Augen, das gemeinsam von Historischem Archiv, den Museen und auch der Spuren der Geschichte im Stadtbild getragen wird.

M. Plassmann