Ein Weimarer in Soest

Bild der 28. Woche - 14. Juli bis 20. Juli 2014

Christian Rohlfs, Türme von Soest, um 1906, Öl auf Pappe, 67,5 x 97,5 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv. WRM 2765

Christian Rohlfs, weiblicher Akt mit Glaskugel, um 1906, Öl auf Pappe, 97,5 cm x 67,5, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv. WRM 2765 (Rückseite)

Karl Ernst Osthaus, der bedeutende avantgardistische Hagener Kunstmäzen und Begründer des Folkwang-Museums, war schon früh auf den begabten Weimarer Maler Christian Rohlfs aufmerksam geworden. Er mietete ihm 1901 in Hagen ein Atelier und lud ihn im Sommer 1904 ein, im westfälischen Städtchen Soest zu arbeiten. Die Hansestadt war im Mittelalter sehr wohlhabend gewesen, dann aber verarmt und hatte noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine besondere mittelalterliche Anmutung, die den Künstler faszinierte. In den folgenden Jahren arbeitete er dort immer wieder. Die Silhouette der Stadt mit ihrem mittelalterlichen Turmensemble hat er oftmals gemalt.

Die Türme von Soest zeigen die Lage der Kirchen von Süden her. Erkennbar sind der Westturm der evangelischen Pfarrkirche St. Petri, gebaut zum Ende des 14. Jahrhunderts und im frühen 18. Jahrhundert mit einer welschen Haube versehen, und das Westwerk von St. Patrokli – das eigentliche Wahrzeichen der Stadt, das vor Mitte des 13. Jahrhunderts vollendet worden war. Seine beiden Türme beherrschen das Bild, sind jedoch nicht die Hauptsache. Denn gerade in dieser Version von Rohlfs’ Soest-Bildern scheint die Faktur wichtiger zu sein als das Sujet.

Das ganze Bild ist aus kleinen pastosen Strichhieben zusammengesetzt. In dieser Manier sind sowohl die beiden Kirchtürme und der Himmel als auch der Vordergrund angelegt. Die Kirchtürme sind jedoch offener gemalt und in den Farben dem Himmel angeglichen, sie treten als Hintergrunderscheinungen deutlich zurück. Das dichte Blattwerk der Baumkronen und zwei seitlich angedeutete Häuser mit Dachschrägen im Vordergrund sind farbig wesentlich kräftiger und dunkler angelegt. Durch kleine, aneinander gefügte Strichlagen werden die einzelnen Zweige der Baumkronen geschieden. In der rechten Bildhälfte finden sich auch kleinere Baumkronen mit gerundeten Formen, die ebenfalls aus kleinen, in sich gerade verlaufenden Strichen gebildet sind.

Rohlfs war in vielen Stilarten zu Hause. In der Sammlung von Osthaus lernte er die Kunst von Vincent van Gogh kennen und schätzen, und offensichtlich hat er in diesem Bild versucht, die Maltechnik des großen Holländers für seine Malerei zu adaptieren.

Übrigens verwendete Rohlfs eine bereits schon einmal benutzte Malpappe. Auf der Rückseite zeigt sie einen Mädchenakt im Schilf, mit einer Glaskugel in Händen (s. Bild links).

G. Czymmek