Vom Gürzenich vor den Richterstuhl – 40 Jahre Herstatt-Pleite

Bild der 25. Woche - 23. Juni bis 29. Juni 2014

Zwei leere Sektflaschen von der Geburtstagsfeier zu Iwan D Herstatts 60. Geburtstag mit diversen Autogrammen – Köln, 16. Dezember 1973
dunkelgrünes Glas; H: 30cm, Dm: 8,5cm
Kölnisches Stadtmuseum, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d033513

Plakat: "Geldanlegen darf kein Glücksspiel sein." Köln, Anfang 1970er Jahre Papier, Offsetdruck; 59 x 82,5 cm Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung

Am 26. Juni 1974 verfügte das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen die Schließung des Kölner Privatbankhauses I. D. Herstatt KG a. A. Ursache der größten deutschen Bankpleite der Nachkriegszeit war eine Überschuldung von 1,2 Mrd. DM (614 Mio. EURO) im Devisentermingeschäft. Betroffen waren nahezu 70.000 Kunden. Als sich die Nachricht verbreitet hatte, versammelten sich nachmittags zahlreiche Sparer vor den geschlossenen Türen der Herstatt-Bank. Es kam zu tumultartigen Szenen.

Die Ansprüche der privaten Gläubiger konnten zum Teil aus dem Restvermögen der Bank, dem Feuerwehrfonds des Bankenverbandes und dem Herstatt-Privatvermögen erfüllt werden. Schwerer getroffen waren Unternehmen wie die Blatzheim-Betriebe, denen infolge mangelnder Liquidität der Konkurs drohte, oder einige Kommunen, darunter als größte Gläubigerin die Stadt Köln mit 190 Mio. DM. Die Gerling-Holding, der das Bankhaus zu 80 Prozent gehörte, musste 51 Prozent ihres Unternehmens zur Sicherstellung an die Gläubiger abgeben.

Iwan D. Herstatt behauptete bis zuletzt, von den Spekulationen, die zum Konkurs seiner Bank führten, nichts gewusst zu haben und bestritt vor allem die Notwendigkeit des Konkurses. Schuld sei ganz allein sein Chef-Devisenhändler Dany Dattel mit seinen „Gold-Jungen“ gewesen. Deren ganzes Spekulationsgebäude brach zusammen, als der Dollarkurs, auf dessen Steigerung man infolge der Ölkrise gesetzt hatte, im April 1974 nicht mehr stieg, sondern fiel. Trotz fieberhafter Sanierungsbemühungen und herunter gerechneten Verlusten musste Herstatt am 16. Juni 1974 dem Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Hans Gerling einen Verlust von rd. 500 Mio. DM – einem Vielfachen des Eigenkapitals – mitteilen. Mit Hilfe eines Finanzierungsplans wollten Herstatt und Gerling die Überschuldung in Griff bekommen. Zehn Tage später war klar: Die Bank mit ihren rd. 850 Arbeitsplätzen war nicht mehr zu retten.

Iwan-D. Herstatt wurde 1913 in Köln geboren. Hier hatte er nach dem Abitur 1931 eine Lehre bei der Deutschen Bank begonnen. 1940–1944 war er Leiter der Kreditabteilung einer von der Deutschen Bank „übernommenen“ französischen Bank in Metz und nach 1945 für deren „Abwicklung“ in Wiesbaden zuständig. 1950 wechselte er zur Bank für Gemeinwirtschaft, die ihm die Leitung ihrer Kölner Niederlassung übertrug. 1955 übernahm Herstatt die Geschäftsführung des Kölner Bankhauses Hocker & Co. und ließ die 1888 geschlossene Familienbank J. D. Herstatt als Kommanditgesellschaft auf Aktien wieder aufleben. Schon 1957 wurde das neue Geschäftsgebäude an Unter Sachsenhausen 6 eröffnet.

Herstatt war als „Lebemann“ bekannt. Er selbst berichtet, in 50 Vereinen – darunter 30 Karnevalsgesellschaften – Mitglied gewesen zu sein. Seinen 60. Geburtstag feierte er 1973 in der Kölner Oper und im Gürzenich mit 900 geladenen Gästen. Den Gästen wurde ein eigens zu diesem Zweck produzierter Sekt ausgeschenkt. Zwei leere Sektflaschen mit Autogrammen anwesender Prominenz gelangten als Schenkung in den Bestand des Kölnischen Stadtmuseums.

Am 23. März 1979 wurde in Köln gegen Iwan D. Herstatt das Verfahren u. a. wegen verschuldeten Konkursvergehens eröffnet. 1987 wurde er schließlich zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe wegen Untreue verurteilt. Eine vom 1984 Kölner Landgericht zunächst verhängte viereinhalbjährige Gefängnisstrafe hatte der Bundesgerichtshof wieder aufgehoben.

Bis zu seinem Tod im Jahre 1995 sah sich Herstatt als das Opfer eines Betrugs, einer Verschwörung. Seinem 1992 erschienen Buch „Die Vernichtung“ gab er den Untertitel „Wie ich um mein Lebenswerk betrogen wurde“.

R. Wagner