Ursula begegnet den Heiligen Drei Könige oder die Vision vom Kölner Stadtwappen?

Bild der 28. Woche - 12. bis 18. Juli 2004

Meister von 1456 - Ankunft der heiligen Ursula mit ihrem Gefolge in Köln, um 1455/1460, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 715, Truhendeckel, 54,5 x 162 cm; links unten und mitte: Detail; rechts: Das Wappen der Stadt Köln in der Bekrönung des Kaiserpokals von 1890 aus dem Ratssilber der Stadt Köln

Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln besitzt fünfzehn Gemälde, die sich in Form und ehemaliger Funktion von den üblichen Bildern des Museums unterscheiden. Es sind lange schmale Holztafeln, alle etwa 55 cm hoch und zwischen 92 cm und 248 cm lang. Deutlich kann man auf der Rückseite an den Spuren von Scharnieren erkennen, daß es sich um Truhendeckel handelte. Sie stammen vermutlich aus der Zeit um 1455/1460 und zeigen jeweils einzelne Stationen der Legende der heiligen Ursula: Wie der englische Königssohn Ätherius um die Hand der Tochter eines christlichen Königs aus der Bretagne anhält, wie Ursula den Antrag annimmt unter der Bedingung, daß sich Ätherius taufen läßt und daß sie eine Wallfahrt nach Rom machen darf, wie Ursula mit Gefolge zu Schiff in Tiel, Köln, Basel, Rom, Mainz und wieder in Köln ankommt und wie Ursula schließlich in Köln mit ihren Gefährtinnen von den Hunnen ermordet wird. Um die vielen Stationen der Reise deutlich zu machen, spielen die Wappen der Städte auf den Bildern eine wichtige Rolle: zwei Schlüssel für Rom, der Bischofsstab für Basel, ein Rad für Mainz, usw. Da wichtige Stationen der Legende in Köln spielen, taucht das Kölner Wappen mehrmals auf. Seit etwa 1300 besaß die Stadt Köln als freie Stadtgemeinde ein eigenes Wappen: rot-weißer Schild mit drei Kronen im roten oberen Feld. Die Kronen stellten natürlich die Heiligen Drei Könige dar, welche seit 1164 als Reliquien in der Stadt weilten und als Schutzpatrone der Stadt angerufen wurden. Auf dem Truhendeckel, welcher die erste Ankunft der Heiligen Ursula in Köln zeigt (oberes Bild), werden zwei auf Fahnen dargestellte Wappen in enger räumlicher Nähe dargestellt, das Wappen Ursulas (bzw. des Herzogs der Bretagne) mit schwarzen Hermelinschwänzen auf weißem Grund und das damalige Wappen der Stadt Köln. Die betont aus dem Turm der Stadtmauer dem Pilgerzug entgegen gestreckte Bannerfahne Kölns neigt sich in Richtung des Ursulawappens. Durch Bewegung des von Pferden flußaufwärts gezogenen Schiffes - Ursula kam also von der Nordsee aus nach Köln - steht sogar eine direkte Verbindung beider Wappen kurz bevor. Die Entstehungszeit dieses Bildes der Ursulalegende liegt etwa 10 bis 15 Jahre vor der Zeit, für welche der Wunsch der Kölner Bürger nach Aufnahme der heiligen Ursula in das Kölner Wappen nachweisbar ist, bzw. 20 bis 25 Jahre bevor die elf Hermelinschwänze oder elf Flammen aus dem Wappen der heiligen Ursula im Kölner Wappen erstmals eindeutig dargestellt wurden. Vielleicht ahnte der Maler dieser Truhendeckel, den wir nur unter dem Notnamen "Meister von 1456" kennen, visionär die bevorstehende Verschmelzung beider Wappen voraus. Vielleicht wünschte er es als frommer Christ, dem die Fürsprache der heiligen Ursula am Herzen lag. Vielleicht lag es auch im Interesse seiner Auftraggeber, welche schon mit diesem Auftrag ihre Verehrung der Heiligen zum Ausdruck brachten.

T. Nagel