Kennt etwa der Fisch des Menschen Tücke?

Bild der 24. Woche - 14. bis 21. Juni 2004

Zeng Mi (geb. 1935), "Kennt etwa der Fisch des Menschen Tücke?", Tusche auf Papier, 69 x 40,5 cm, China, Ende der 1980er Jahre, Privatbesitz
Bada Shanren, "Fische und Enten", Querrolle, Tusche auf Papier, datiert 1689, Shanghai Museum, Abb. aus: Master of the Lotus Garden. The Life and Art of Bada Shanren (1626-1705)", hrsg. v. Wang Fangyu u.a., Yale University Art Gallery 1990, Abb. 35

ausgewählte Tuschezeichnungen des Malers Zeng Mi, Teil III Mit wenigen Strichen gibt Zeng Mi seiner Titelaufschrift einen Sinn und dem Bild Dynamik. Dreh- und „Angelpunkt“ des Bildes ist der von der Aufschrift in den leeren Raum herabhängende Angelhaken mit Köder. Alleine durch die Angelschnur und die drei scheinbar schwebenden Fische entsteht vor dem Auge des Betrachters der Lebensraum der Fische, das Wasser, obwohl es selbst nicht weiter angedeutet wird. Diese Reduktion der Formensprache und besonders die Darstellung der Fische lehnt sich unverkennbar an Bada Shanren (1626-1705, s. kleines Bild) an, einem Maler der frühen Qing-Dynastie (1644-1911). Als Angehöriger der gestürzten Ming-Dynastie mußte er in den Mönchsstand eintreten. Sein individueller Malstil, der unkonventionell die damals geltenden Regeln der chinesischen Malerei ignorierte, machte Bada Shanren zu einem bedeutenden Vorbild, dem noch heute Maler nacheifern. Kenner der Klassischen Musik dagegen erinnert dieses Bild vielleicht spontan an das von Franz Schubert (1797-1828) 1819 vertonte Gedicht „Die Forelle“ von Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791). In diesem Gedicht trübt ein Angler, der die Forelle bei klarem Wasser nicht ködern kann, mit "menschlicher Tücke" das Wasser durch Aufrühren ein, und lockt damit den Fisch erfolgreich an seine Angel. Vergleichbar mit Schubarts Gedicht spielen Zeng Mis Fische nur mäßig interessiert mit dem Köder und es sind vor allem die Jungen, die mit dem Angebot liebäugeln. Es bleibt offen, ob einer der beiden jungen Fische anbeißen wird. Den alten, erfahrenen Fisch im Vordergrund kann der Köder nicht locken, er hält sich mißtrauisch abseits. Das Bild läßt sich auch autobiographisch deuten: Zeng Mi besitzt die Weisheit des alten Fisches, der sich nicht mehr in jede Falle locken läßt. Ruhm, Reichtum, gesellschaftliche Anerkennung, alles, was junge Menschen anziehen mag, betrachtet Zeng Mi nach den bitteren Erfahrungen als diffamierter „Rechtsabweichler“ während der Kulturrevolution (1966-1976) mit dem gesunden Argwohn des alten Fisches. Kennt etwa der Fisch des Menschen Tücke? Von Sanshi Louzhu spielerisch gemalt. Der vollständige Text der Bildaufschrift verrät, daß Zeng Mi – bei aller Skepsis – die Szene eher humorvoll sieht. Und so ergibt sich eine weitere Parallele zu Schuberts „Forellenquintett“, das trotz des (für den Fisch) tragischen Endes zu dessen leichtesten und unbeschwertesten Kompositionen zählt. Ähnlich wie Schuberts Musik verhältnismäßig oft in Moll ist, so sind Zeng Mis Tuschbilder im allgemeinen dunkelr gestaltet. Das Bild mit den Fischen ist eines der hellsten und freundlichsten Bilder unter Zeng Mis Werken - ungeachtet der existentiellen Bedrohung durch die heimtückische Versuchung.

B. Clever