Pflaumenblütenzweig

Bild der 18. Woche - 3. bis 9. Mai 2004

Zeng Mi (geb. 1935) Pflaumenblütenzweig Tusche und Farben auf Papier, 82,3 x 49,7 cm China, dat. 1988 Privatbesitz

ausgewählte Tuschezeichnungen des Malers Zeng Mi, Teil 1 Bei der ersten Begegnung einander verfallen, grenzenlose Liebe führt an die Grenzen des Verstands. Von den dreitausend Bäumen im Wald eines einsamen stehenden Hügels kann dieser Zweig allein der Kälte trotzen. Regensturzartig prasseln die Schriftzeichen des Gedichts auf den Zweig herunter, dessen Blüten nur an den gekappten Ästen treiben können. Formal bilden die Schriftzeichen mit dem Zweig eine Einheit. Für beide wurde vermutlich sogar derselbe Pinsel verwendet. Mit dem Zitat dieses Gedichtes und dem gemalten Pflaumenblütenzweig setzt der 1935 geborene, chinesische Maler Zeng Mi der jungen Dichterin und Revolutionärin Qiu Jin (1875?-1907) ein Denkmal. Die Blüten des Prunus (chin. mei, dt. Pflaume oder Aprikose) überdauern trotz ihrer Zartheit Schnee und Kälte. Mit dem Bambus zusammen symbolisieren sie daher moralische Integrität der gebildeten Persönlichkeit, die über politische und materielle Belange erhaben ist. Qiu Jin muß eine integere Persönlichkeit gewesen sein: Leidenschaftlich wie ihr Gedicht engagierte sie sich gegen politische Mißstände und setzte sich für die Frauenrechte ein. Sie gründete 1906 Chinas erste Frauenzeitung in Shanghai. 1907 wurde sie kurz nach Verfassung ihres Gedichts hingerichtet. Qiu Jins eigenes Leben verlief schon seit der Kindheit weitgehend konträr den Regeln, die chinesischen Frauen auferlegt wurden. Der einzigen Tochter eines Beamten wurden entgegen dem damals noch üblichen Schönheitsideal die Füsse nicht gebunden (vgl. hierzu das BdW 01. – 07. März 2004) und sie wurde in Lesen, Schreiben, Reiten und Schwertkampf unterrichtet. Eine verhältnismäßig späte, arrangierte Heirat beendete ihre ungewöhnliche Freiheit zunächst. Durch den Boxeraufstand (1900/1) erwachte ihr Patriotismus. Sie wollte sich weiterbilden, um ihrem Land zu dienen. 1904 verließ sie ihren Mann und ihre Kinder, um in Japan zu studieren, was sie als Frau in China nicht konnte. Dort schloß sie sich chinesischen Aktivisten gegen die Mandschuherrschaft an, und wurde schnell zu einer führenden Persönlichkeit des Chinesischen Revolutionsbundes (gegr. 1905). Ihre Rückkehr als Schulleiterin in Shaoxing nutzte Qiu Jin zur Bildung einer paramilitärischen Einheit. Der von der Bewegung für Juli 1907 geplante Aufstand gegen die Regierung scheiterte jedoch. Bevor Qiu Jin in den Untergrund gehen konnte, wurde sie auf dem Schulgelände gefaßt, zum Tode verurteilt und am 15. Juli 1907 enthauptet. Qiu Jins Hinrichtung machte sie zu einer bis heute gefeierten, modernen Märtyrerin und Heldin Chinas, deren Leben bereits mehrfach verfilmt und deren Grabstätte mit Museum ein touristischer Zielort ist. Ihre Gedichte sind in chinesischer Sprache sogar im Internet zu finden. Sie geben weiterhin Zeugnis vom leidenschaftlich engagierten Charakter einer herausragenden Frau. Zeng Mis Reverenz an Qiu Jin ist eines der wenigen Bilder, bei dem er nicht ausschließlich Tusche, sondern auch Farbe verwendet, die dadurch eine noch größere Bedeutung erhält. Wie auf dem Bild „Im Regen“, das wir Ihnen an dieser Stelle ab dem 24.05. zeigen werden, ist die rote Farbe hier ein Symbol für den Sieg des Lebens über den brutalen Vernichtungswillen. Bisher erschienen folgende „Bilder der Woche“ mit Zeng Mis Werken: 24. KW 2003: 16. – 23. Juni 2003

B. Clever