„Singing in the rain“?

Bild der 21. Woche - 24. bis 30. Mai 2004

Zeng Mi (geb. 1935), Im Regen, Tusche und Farben auf Papier, 51 x 40 cm, China, 1992, Privatbesitz

ausgewählte Tuschezeichnungen des Malers Zeng Mi, Teil II Munter, wie ein lustiger Farbklecks scheint der rote Regenschirm in der tristen Großstadt zwischen den hohen grauen Häuserschluchten auf und ab zu tanzen. Man sieht die Nässe des grauen Asphalts. Der Regen läuft in Strömen die Häuserwände hinab. Nirgends ist Regen so trist und deprimieren wie in einer Stadt ohne Grün. Der rote Regenschirm scheint dem Bild eine heitere Note zu verleihen. „Singing in the rain“, also? Mitnichten! Das unscheinbare, rote Siegel an der linken Seite weist auf einen wichtigen Zusammenhang dieses Bildes mit der Biographie des Künstlers hin. Es bedeutet: „Zweiter Tag des ersten Monats“. An diesem Tag im Jahr 1979 wurde Zeng Mi, der während der chinesischen Kulturrevolution (1966-1976) als Rechtsabweichler verfolgt und gedemütigt wurde, offiziell rehabilitiert. Für Zeng Mi, der nach anfänglichen Erfolgen als Maler mit Malverbot belegt und zu schwerer Arbeit in einer Fabrik gezwungen wurde, kann die Bedeutung dieses Tages nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es ist der Tag seiner Befreiung, vielleicht wie der Anfang eines zweiten Lebens. Einer Befreiung, die Zeng Mi die Möglichkeit ausgedehnter Reisen in die ganze Welt (nach Kanada, in die USA, Japan, Singapur, Malaysia, Ägypten und in die Türkei) eröffnete. Er konnte seine Werke nun weltweit ausstellen und erhielt angesichts der vorangegangen Ächtung gesellschaftliche Anerkennung. Mit dem Siegel ordnet Zeng Mi das Bild den Werken zu, die als Reaktion auf dieses Ereignis entstanden. Bei näherer Betrachtung erkennt man, daß das kleine Mädchen unter dem Schirm ins Leere läuft, vorbei an Häusern ohne Fundament, deren Fenster wie leere Augenhöhlen aussehen. Das Rot des Schirmes jedoch scheint dieser Atmosphäre zu widerstehen.

B. Clever