Wein für den Knaben

Bild der 2. Woche - 12. bis 19. Januar 2004

Art des Joos van Cleve (der Beke) Das Christuskind mit der Weintraube Malflächendurchmesser 30,7 cm Köln, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 0741
Kompositionsschema

Dieses kleine Rundbild ist in der Beurteilung so mancher Betrachter ein attraktives, schönes Gemälde. Die pastellartige Farbigkeit des Kissens und der Inkarnatfarbe des Kindes dazu der blattvergoldete Hintergrund mit dem gegenlichtartigen Kontrast zwischen Gold und Blattwerk ist meisterhaft komponiert. Das zarte Rosé des Kissens wird wieder aufgenommen in der Halskette des Knaben, der Hell-Dunkel-Kontrast wiederholt sich bei der vor den hellen Körper des Knaben gesetzten Weintraube. Schon zur Zeit seiner Entstehung um 1528/29 erfreute sich diese Bild - heute im Besitz des Kölner Wallraf-Richartz-Museums - hoher Wertschätzung. Ablesen kann man dies an den 8 bekannten weiteren, z. T. etwas abgewandelten Versionen des Gemäldes (s. z. B. Museum Wiesbaden ). Es mag sein, daß sich unter diesen acht Gemälden vielleicht auch das Original befindet, an dem sich alle anderen Versionen orientieren - denn der Originalcharakter wird unserem Bild nicht zuerkannt. Daß unser Bild zu der Zahl der Kopien gehört und nicht das Original ist, schließt man aus einer Reihe von Indizien: Einerseits wirkt die Darstellung des Knaben ungelenk sitzend, in den Proportionen nicht überzeugend und hart in der Modellierung. Darüber hinaus ist das Bild malerisch weniger qualitätvoll als eine Reihe der anderen Gemälde nach dem gleichen Vorbild, was ebenfalls darauf hinweist, daß unser Bild eine Kopie darstellt. Andererseits gibt es strenge Prinzipien der Komposition (s. hierzu kleines Bild rechts). So fallen drei Maßverhältnisse auf: Vertikal ist das Bild im Verhältnis 5 : 6 geteilt. Dadurch sitzt die Horizontlinie etwas oberhalb der Mitte und der Bildeindruck ist "stabil" bzw. das Bild erhält so einen nach unten ziehenden Schwerpunkt. Zugleich wird hierdurch eine leichte Untersicht festgelegt. Ebenfalls "Stabilität" erreicht der Maler durch die symmetrische Aufteilung der Horizontale im Verhältnis 1 : 3 : 1. Den Mittelpunkt des Rundbildes, also den Einstichpunkt des Zirkels, bildet der Nabel des Knaben - was sich auch auf die inhaltliche Bildaussage auswirkt (Nabel der Welt?, s.u.). Neben der bereits erwähnten Farbkomposition mit ihrer ausgewogenen Abstimmung der Bildteile gibt es ein weiteres Kompositionsmerkmal, die Abstimmung der "Flächen" zueinander, insbesondere der kleinformigen Flächen zu den großformigen Bereichen (Blattwerk zu Goldgrund; Kissen zu Körper zu Trauben). Dabei kommt es zu spannungsreichen Kontrasten an den Grenzen der Flächen. Dargestellt ist ein nackter Knabe, der auf einem Kissen sitzt und rote Weintrauben ißt. Der wissende Betrachter des 16. Jahrhunderts erkannte sofort, daß die Symbolik im christlichen Kontext zu lesen ist. So verweisen die Weinrebe (links) sowie der Rosenstock (rechts) im Hintergrund auf die Passion und das Erlösungswerk Christi. Wiese, Kissen und Goldgrund sind Details, die auf den "Garten des Himmels" verweisen. Die Trauben sind bereits seit der Antike ein Symbol für das glückliche Leben. Im christlichen Kontext stehen sie für das himmlische Leben, die himmlische Glückseligkeit: Der Knabe genießt im Himmel die Früchte der Erlösung. In wie weit nun der Knabe selbst als Christusknabe oder allgemeiner als Seele des Menschen zu interpretieren ist, bleibt offen. Stilistisch kann man das Bild dem Umfeld des Antwerpener Malers Joos van Cleve (1485 -1540) zuordnen. Da dieses Bildmotiv des Knaben mit der Traube in der niederländischen Malerei ein ungewöhnliches Thema, bei Joos van Cleve jedoch in mehreren Varianten zu finden ist, schein die Zuschreibung des Originals an Joos van Cleve wahrscheinlich.

T. Nagel