Auf dem Weg zum Profifußballer

Bild der 42. Woche - 19. Oktober bis 25. Oktober 2015

Chargesheimer (Karl Heinz Hargesheimer): "Fußball", 1957/58. Fotografie, Inv. 1779/1 (Foto: RBA)

Bildausschnitt des Negativs (Foto: RBA)

Dieses Bild entstand um 1957, als die Schwarzweiss-Fotografie noch über die Farbwelt dominierte, und wurde 1958 in dem von Chargesheimer zusammengestellten, umfangreichen Bildband "Im Ruhrgebiet", versehen mit einem Vorwort von Heinrich Böll, veröffentlicht. Damals erregte dieses Buch Aufsehen und Ablehnung, da es mit seiner individuellen Auswahl und den effektvollen Fotografien nicht dem Selbstbild der Verantwortlichen dieser Region entsprach.

Unter den vielen Aufnahmen einer von harter Arbeit und Industrie geprägten Bevölkerung und Umwelt findet sich auch die hier vorgestellte Aufnahme vom Straßenfußball. Das Besondere ist die sichere Kombination von dokumentarischem Inhalt und ästhetischer Bildgestaltung. Pfützendurchsetzt und uneben ist das Spielfeld, eine Asphaltstraße, die zudem von düsteren Ziegelwänden umgeben ist und wie ein Gefängnishof anmutet. Aber unbeeindruckt von diesem tristen Ambiente konzentrieren sich die vier jungen Männer voll auf den Ball. Zielsicher hat der Fotograf die Einstellung so gewählt, dass der Weg des Balles, obwohl nur als Schemen hinter dem Knie des mittleren Spielers sichtbar, von rechts über die Mitte nach links erkennbar und die Dynamik des Spiels nachvollziehbar ist.

Dabei fehlt es keineswegs an kompositorischen Elementen. Obwohl die Köpfe der Spieler fast auf einer Höhe sind - im Fachjargon als "Isokephalie" bezeichnet und oft für eine gewisse Gleichförmigkeit verantwortlich –, enthält der festgehaltene Augenblick eine hohe bildinterne und erzählerische Spannung, die durch die wechselseitigen Bezüge der Akteure erreicht wird.

Man kann das Bild ausgehend vom mittleren Spieler "lesen". Dass er sich nicht genau im Bildzentrum bewegt, erhöht die motivische Spannung und Bewegung. Über seine abgespreizten Arme ist er sowohl mit der Zweiergruppe links wie auch mit Einzelspieler rechts verbunden. Gleichzeitig bildet er mit den beiden linken Spielern, deren dunkle Kleidung in sichtlichem Gegensatz zum hellen Hemd des rechten Spielers steht, eine Dreiergruppe mit reigenartigem Rhythmus.

Als Reportage-Fotograf hat Chargesheimer bei der Aufnahme Einflußnahmen auf die "Darsteller" vermieden, aber später, bei der Herstellung der Abzüge und der Wahl des Bildausschnitts, das Bild nach seinen Vorstellungen gestaltet (den originalen Bildausschnitt sehen Sie im Bild rechts). Im vorliegenden Fall hat er nicht nur den Bildausschnitt auf die agierenden Personen verengt, sondern auch die Kontraste merklich erhöht. Schließlich erhält das Bild durch die starke Vergrößerung vom körnigen 6 x 9 cm-Negativ auf die Buchdoppelseite eine leicht impressionistische Unschärfe, die nicht unwesentlich zum Eindruck der Szene beiträgt.

Ein Sportfotograf war Chargesheimer gewiss nicht. Diese Motive waren für ihn nur als Ergänzung des Alltagslebens, als Sonntags- und Freizeitbeschäftigung relevant. Nur so sind die wenigen Aufnahmen von Fußballspielen, Pferde- oder Radrennen in seinen Städtebüchern zu verstehen. Mehr als organisierte Sportveranstaltungen haben Chargesheimer die Spiele der Kinder in Straßen und Parks, auf Hinterhöfen und Trümmergrundstücken interessiert und der Alltag der Erwachsenen im öffentlichen Raum. Dabei hat er jene zeit- und ortstypischen Situationen eingefangen, die durch die betonte Schwarzweiß-Optik für unsere heutigen, farbübersättigten Augen wieder besondere Reize bieten.

R. Neu-Kock