Skandinavien Design – Eine Glasvase von Per Lütken

Bild der 40. Woche - 5. Oktober bis 11. Oktober 2015

Per Lütken für das Glaswerk Holmegaard A/S, Næstved (DK): Blaue Vase, um 1950. Blaues Farbglas, H 41 cm, Inv. Nr. F 900 (Foto: RBA)

Als 1942 Per Lütken (1916-1998) bei dem dänischen Glaswerk Holmegaard A/S in Næstved Jacob E. Bang (1890-1965) als künstlerischen Leiter ablöste, hatte er sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie mit Glas beschäftigt. Ursprünglich als Dekorationsmaler und Zeichner an der Schule für „Dansk Kunsthåndværk“ ausgebildet, dauerte es einige Jahre, in denen er mit dem Material Glas experimentierte, bis er zu seiner charakteristischen Formensprache fand. Inspiriert durch Studienreisen in Italien, hier war er vor allem von der Mailänder Triennale 1951 begeistert, führte er einen neuen Stil bei Holmegaard ein. Seine fließenden und runden Formen gaben dem Glas einen ausdrucksstarken, bisweilen rustikalen Stil, der ganz im Gegensatz zu dem bisherigen dünnen und perfekten Glas stand.

Die dargestellte Vase, die sich heute im Kölner Museum für Angewandte Kunst befindet, ist eine der ersten Arbeiten aus der für Lütken typischen „weichen“ und organisch anmutenden Formensprache, an der er bis in sein Spätwerk festhielt. Lütkens Entwürfe beziehen sich hauptsächlich auf Formglas, hierbei werden vor dem Ofen alle Arbeitsvorgänge freihand ausgeführt. Er verzichtet auf jegliches additives Ornament, allein die Form und Farbgebung ergeben das Dekor. Die amorph anmutende Formensprache geht auf den organischen Stil ein, der sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg international ausbreitete und unter den nordischen Staaten auch unter dem Begriff „Scandinavien Design“ bekannt wurde. Bereits in den 30er Jahren bezog der finnische Architekt Alvar Aalto (1898-1976) die geschwungene Formensprache bei seinen Möbel- und Glasentwürfen mit ein, wie beispielsweise bei der Glasvase „Savoy“ von 1933.

Lütken nahm bei der Herstellung des Glases größtmögliche Rücksicht auf die Eigenschaften der dickflüssige Glasmasse. Problematisch erweisen sich beim Glas allgemein die unbegrenzten Möglichkeiten – fast jede Form kann aus Glas hergestellt werden. Die künstlerische Leistung besteht daher darin, die Formen zu begrenzen. Per Lütken besaß jene Disziplin, dem Glas genügend Raum und Entfaltung zu geben, ohne die charakteristischen Merkmale des Materials zu negieren. Bei der Herstellung der Vase nutzte er die plastischen Eigenschaften des heißen Glases unter Einsatz von Wasser. Eine alte Technik, die bereits zur Herstellung von Hohlstielgläsern im Barock angewendet wurde. Der Glasmacher setzte den Dampfdruck zum Aufblasen des Glases ein, indem ein nasser Stab in den Stiel gestochen wurde. Die Feuchtigkeit des Stockes blies den Hohlstiel auf. Per Lütken nimmt in der dänischen Glasentwicklung des 20. Jahrhunderts eine zentrale Rolle ein; während seiner Tätigkeit bei Holmegaard von 1942 bis 1998 zeichnete er mehr als 3000 Glasentwürfe. Mit seinen Unikatgläsern näherte er sich der Gruppe von Studioglaskünstlern, die Ende der 60er Jahre in Dänemark entstand.

M. Damm