Schönheit und Schmerz V

Bild der 16. Woche - 19. bis 25. April 2004

Bugmaske (parata) eines Kriegskanus Maori, Neuseeland, Hauraki Golf, um 1840 Holz, Haliotis-Muschel, 26,5 x 16 x 9 cm Rautenstrauch-Joest-Museum, RJM 22509

Eingraviert in die Haut Zu den eindrucksvollsten Formen des polynesischen Hautschlags zählten die Gesichtstatauierungen der neuseeländischen Maori (moko). Tief eingraviert in die Haut, folgen die Linien und Spiralen den natürlichen Konturen des Gesichts und verleihen ihm ein nachgerade maskenhaftes Antlitz. Moko bedeutet Eidechse und bezeichnet zugleich Whiro, den Beherrscher der Unterwelt und der Krankheiten. Er und seine Brüder entstammmten der Verbindung zwischen Himmel (Rangi) und Erde (Papa). Im Widerstreit um die Vorherrschaft dieser ältesten Maori-Gottheiten erwiesen sich Whiro und Tane, der Gott des Waldes und der Erschaffer der Menschen, als die stärksten Gegner. Whiro unterlag Tane und zog sich in die Unterwelt zurück, von wo aus er seitdem die Menschen mit Krankheiten plagt – und wo die Tatauierung der Maori ihren mythischen Ursprung findet. Das Verhältnis zwischen Whiro und Tane, der zugleich die Schutzgottheit der Schnitzer ist, spiegelt sich in der Technik des Tatauierens wider: Die Farbpigmente wurden mit gezackten Instrumenten in die Gesichtshaut regelrecht eingemeißelt. Die Muster und Ornamente bestehen aus ein- bis mehrfach gerollten Spiralen, strahlenförmigen Linien sowie keulenförmigen Elementen, deren Enden angerollt sind. Als natürliche Vorbilder gelten die sich entfaltenden Blattsprossen der neuseeländischen Farmbäume, die bis heute als Symbol der Stärke und Widerstandskraft gegen das z.T. unwirtliche Klima des Landes gelten. Die Assoziation der Tatauierung mit den Mächten der Unterwelt findet ihre Ergänzung in der Mythe von Mataora – hier jedoch positiv umgedeutet in der Besetzung des Protagonisten als Kulturheros, der die Menschen die Schnitz- und Tatauierkunst lehrte. Mataora erhielt eines Tages Besuch von einer Gruppe Jugendlicher aus der Unterwelt, deren Anführerin Niwareka war, Tochter des Uetonga, Herrscher über das Reich der Toten. Mataora verliebte sich in Niwareka und nahm sie zur Frau. Ihre Schönheit erregte jedoch bald seine Eifersucht, und so schlug er sie wegen vermeintlichen Ehebruchs. Niwareka kehrte daraufhin in die Unterwelt zurück. Mataora, von Schuldgefühlen geplagt, wagte den – orphischen – Weg in die Unterwelt, um seine Gattin wiederzuerlangen. Uetonga jedoch hegte Zweifel an einer Versöhnung Niwarekas mit Mataora, weil dessen gemalte Zeichen auf der Haut nur temporärer Natur waren. Erst die schmerzvolle Operation der Tatauierung sollte Mataora zur beständigen Mahnung an seinen Fehltritt erinnern. Mataoras von Schmerz bestimmten Gesänge der Reue schließlich bewogen Niwareka, mit ihm in die Welt der Lebenden zurückzukehren. Die Gesichtstatauierung war in erster Linie ein Vorrecht der chiefs, die hiermit ihre Herkunft und ihren Status dokumentierten. Dabei wurde das Gesicht über eine imaginäre Vertikale über den Nasenrücken in ein rechtes (männliches) und ein linkes (weibliches) Hauptfeld geteilt, dem sich individuelle gestaltete Nebenfelder unterordneten. Jedes moko stellte eine persönliche Signatur dar, deren bildnerische Umsetzung, wie bei der vorliegenden Bugmaske, Eigentumsrechte symbolisierte.

B. Majlis