Schönheit und Schmerz II

Bild der 10. Woche - 8. bis 14. März 2004

Kitagawa Utamaro (um 1754-1806), Jungverheiratete Frau betrachtet im Spiegel ihre geschwärzten Zähne Vielfarbendruck aus der Serie: Fujin sôgaku jittai (Zehn Typen weiblicher Physiognomie), 37,1 x 24,1 cm, Japan, um 1792/93 Dauerleihgabe Sammlung Otto Riese im Museum für Ostasiatische Kunst Köln
Detail, Die schwarzen Zähne

"Schönheitstipps" aus dem Fernen Osten Ganz erstaunt betrachtet die frischvermählte Ehefrau/Japanerin ihre wohl zum ersten Mal gefärbten, schwarz (!) gefärbten Zähne in einem Handspiegel. über diese gänzlich andere Form von „Schönheitsideal“ für Ehefrauen berichtet der spätere Museumsgründer Adolf Fischer von seiner ersten Japanreise 1897 in seinem Buch „Bilder aus Japan“ ganz aus europäischer Sicht: „...Sie (A. Fischers Wirtin) unterschied sich dadurch vorteilhaft von den meisten ihrer Landsmänninnen, daß sie eine wirkliche Nase hatte, und selbst eine Europäerin hätte, ohne darüber unglücklich sein zu müssen, dies Gesicht tragen können; aber grauenvoll waren die Zähne, schwarz, als ob die Dame ihr Lebenlang Heidelbeeren gegessen hätte. Oftmals habe ich mir schon den Kopf darüber zerbrochen, wie der Japaner, dem doch ein hohes Maß von Schönheitsgefühl selbst von seinen Widersachern nicht abgesprochen wird, es dulden kann, daß sich die Frau die Zähne schwärzt, um zu beweisen, sie wolle keinem anderen Manne mehr gefallen als ihrem Gatten. In den besseren Kreisen der Hauptstädte hat diese Sitte bedeutend abgenommen, ja fast aufgehört; aber keineswegs im Inneren des Landes, wo noch jede Frau ihrem Manne das Opfer bringt, der ein mir unbegreifliches Wohlgefallen daran haben muß. Sollte es in Europa jedoch Männer geben, die hinsichtlich der Zähne nicht so empfindlich sind als ich, und Damen, die ihre Liebe zu den Gatten durch Schwärzen der Zähne beweisen wollen, so mögen sie folgendes Rezept in Anwendung bringen: Man nehme 3 Pinten (etwa 3 Liter) Wasser, erhitze es, und gieße dann eine halbe Tasse Sake (Reiswein) hinzu. In diese Mischung werfe man ein Stück rotglühendes Eisen und lasse sie fünf bis sechs Tage stehen. Nach dieser Zeit wird sich ein Schaum auf der Oberfläche bilden, der in eine Tasse geschöpft und über Feuer gesetzt werden muß, worauf, wenn das Gebräu erhitzt ist, pulverisierte Galläpfel und Eisenfeilspäne hinein gerührt und ebenfalls erwärmt werden. Vermittelst einer weichen Feder wird diese Flüssigkeit auf die Zähne gestrichen; nach mehrfacher Anwendung und abermaligen Zusätzen von Galläfelpulver und Eisenfeilspänen werden alsdann die Zähne die gewünschte Farbe erhalten.“ Der Vielfarbendruck des Japanischen Künstlers Kitagawa Utamaro (um 1754-1806) zeigt im Ausschnitt eine Japanerin, vor allem ihr erstauntes Gesicht – der japanische Originaltitel lautet auch übersetzt: „Das erstaunte Gesicht". Es ist – wie oben bereits erwähnt - das Gesicht einer jungen Ehefrau, die sich der Prozedur des Zähnefärbens unterzogen hat, um darzulegen, daß sie ab diesem Augenblick keinem anderen mehr, als Ihrem Mann, gefallen will. Der Druck stammt aus der Serie " Zehn Typen weiblicher Physiognomie" des Künstlers und entstand um 1792/93. Der Hauptbetrachtungsgegenstand, die schwarzen Zähne (s. Detailbild) sind fast verschwindend klein dargestellt. Die Farbe Schwarz ist dagegen durch die Rückseite des Spiegels und die Haare der Frau im Bild sehr präsent. Der Holzschnitt von Utamaro hängt nicht in der Sonderausstellung „Der Goldene Faden“, deren Laufzeit bis zum 31. März 2004 verlängert wurde.

B. Clever