Tambour-in, Tambour-out

Bild der 33. Woche - 13. August bis 19. August 2018

Fritz Henle: Tambour - Palio di Siena, 1931. Abzug auf Barytpapier
30,5 x 23,0 cm. Köln, Museum Ludwig, Sammlung Fotografie, Inv.-Nr. FH 07269 (Foto: RBA)

Die Massen haben sich schon auf dem Platz versammelt, die Anspannung ist groß. Wie jedes Jahr geht in der toskanischen Stadt Siena an Maria Himmelfahrt das traditionelle Pferderennen, der Palio, in die zweite Runde. Seit dem Mittelalter ist die zentrale Piazza del Campo der Schauplatz des Ereignisses, bei dem die siebzehn Viertel der Stadt im Namen der Jungfrau Maria miteinander wettstreiten. In mittelalterlicher Tracht gekleidet, ziehen die Kapellen der Viertel durch die Gassen, musizieren und schwingen Fahnen. Nach einem ganzen Jahr an Vorbereitung fiebert die Stadt nun auf die obligatorischen drei Umrundungen der Piazza entgegen. In neunzig Sekunden wird sich entschieden haben, welcher Reiter und damit welches Viertel den Sieg mit nach Hause trägt, wer die namensgebende Standarte der Maria, den Palio, in der Kathedrale entgegennehmen darf.

Den 22-jährigen Dortmunder Fritz Henle, der 1931 als Kunstfotograf im nahegelegenen Florenz arbeitet, scheint der Auflauf und das Treiben auf der Piazza del Campo wenig zu interessieren. Auf der Suche nach Motiven findet er schließlich einen Tambour eines der teilnehmenden Viertels. Und fernab des Trubels gelingt es ihm, ein ambivalentes Bild voller Widersprüche zu inszenieren. Der Tambour steht allein, ohne Mitmusikanten, in einer Gasse. Die dunkle Gestalt setzt sich deutlich von dem patinierten Putz der Mauer im Hintergrund ab. Die Figur strahlt Ruhe aus. Und Konzentration. Schaut man aber genauer hin, wird die Bewegung der Hände und Trommelstöcke deutlich. Plötzlich ist Dynamik im Bild zu erkennen. Gleichzeitig wird dem Betrachter des Bildes klar, dass es Henle nicht um die Kulturgeschichte Sienas und des Palio geht, sondern um den Moment in dem sich der Kontrast von Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand manifestiert. Der Kontext des Volksfestes wird dabei zunehmend unerheblich, ebenso wie die Figur des Tambour zur Silhouette reduziert wird. Henle gelingt hier kein Schnappschuss, sondern eine durchdachte Inszenierung der Künstlichkeit von Bild und Moment.

Diese Vielschichtigkeit findet sich im gesamten Werk des überaus produktiven Fotografen. Bevor Henle 1936 in die USA auswandert, bereist er Europa, Japan, China und Indien. Als freier Fotograf in Amerika angekommen, entdeckt er die Vielfalt des Kontinentes und seiner potenziellen Motive. Um dieses auszuschöpfen übt sich Henle in Flexibilität, betreibt unter anderem Mode-, Werbe-, Landschafts-, Potrait- sowie Aktfotografie und veröffentlicht im Laufe der Jahre mehr als ein Dutzend Bildbände in verschiedenen fotografischen Genres.

"One thing an artist can do in this world is to remind people that there is so much beauty that you only have to see it,“ so Henle einmal. Dass er einen Blick für diese besagte Schönheit hatte, steht außer Frage. Dass er es verstand die Schönheit aus dem Unscheinbaren – vielleicht gerade abseits des Geschehens – selbst zu kreieren, davon zeugt sein Tambour, der ganz ohne den Palio auskommt.

J. Mortsiefer