Der Sommer geht, der Herbst kommt

Bild der 42. Woche - 18. Oktober bis 24. Oktober 2021

Schultze, Bernhard, tanzender Herbst-Migof, Folkwang-Museumsverein e. V., Essen, Inv.-Nr. NaBS0639; Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln

Spazieren wir derzeit durch die Wälder, Parks und Grundflächen in Köln und in den Orten drum herum, so sind es die herbstlichen Farben aus Grün, Orange und Gelb die uns dort willkommen heißen. Wenn dann die gefärbten Blätter der Bäume wieder einmal durch die Lüfte tanzen, präsentiert sich der Herbst als ein lebendiges und buntes Naturspektakel. Es erscheint daher nicht verwunderlich, dass Bernhard Schultze (1915-2005) eines seiner berühmten Migofs dem tanzenden Herbst widmete.


Der Künstler

Bernhard Schultze war einer der führenden Vertreter der gestisch-abstrakten Malerei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als er 1952 mit Karl Otto Götz und anderen die Künstlergruppe Quadriga in Frankfurt am Main gründete, war dies die Geburtsstunde des Informel in Deutschland. Informelle Kunst ist eine Stilrichtung der Abstraktion und setzt auf Formlosigkeit und Spontanität im Malprozess. Schultze selbst wurde schon früh in seinem künstlerischen Schaffen durch den Surrealisten André Breton beeinflusst. Dieser sah im Unbewussten ein Leitmotiv für die Schaffung von Kunst. Mit anderen Worten: ein Malen ohne vorgegebenes Konzept.
In der Folge entwickelte Bernhard Schultze, der ab 1965 mit seiner Frau Ursula in Köln lebte, seine ganz individuelle Bildsprache, die ihn noch heute von anderen Künstler*innen seiner Zeit abgrenzt. Zu seinem Markenzeichen wurden Farbschöpfungen, die teilweise gedanklich als auch tatsächlich materiell über die Leinwand hinauswuchsen. Durch das bloße Ansehen versprühen Schultzes Werke bis heute Phantasie und Assoziation bei den Betrachter*innen.

Die Migofs

Zu diesem Effekt tragen insbesondere seine Migofs bei, die er als Skulptur oder Gemälde anfertigte. Ihre wuchernde, abstrakte Gestalt erzeugt einen lebendigen, dreidimensionalen Charakter: die Betrachter*innen meinen in ihnen bestimmte Figuren zu erkennen.

So ist es gut möglich, dass viele Menschen beim ersten Anblick seines „tanzenden Herbst-Migof“ ihre eigene Person erkennen, so eindrucksvoll hat Schultze Locker- und Leichtigkeit von Tanzenden hier festgehalten. Insbesondere nach einer eineinhalb-jährigen Pandemiepause versprüht Schultzes Werk so die Sehnsucht nach tanzenden Bewegungen zu stimmungsvoller Musik – was glücklicherweise seit einigen Wochen in den Tanzlokalen dieses Landes wieder möglich ist.

Doch schauen wir genauer hin: beim Betrachten seines „tanzenden Herbst-Migof“ fallen die feinen Antennen und Tentakeln, möglicherweise auch Äste von seinem baum- und außerirdischartigen Wesen auf. Farblich dominiert im Hintergrund eine helle Farbpalette das Bild: viel Weiß, einige Tupfer Grün und Blau, auch manchmal Violett. Es sind die Farben des Sommers, die nun langsam verblassen. Im Kontrast dazu steht der Herbst in Form eines Migofs, der, so lässt es die Phantasie zu, in das Gemälde getanzt kommt. Dieser Migof zeigt sich in dunkleren, intensiveren Farben: Braun, dunkles Grün und Orange, auch wundenartige Stellen in intensivem Rot sind zu sehen. Es entsteht ein Gefühl des Übergangs, der Sommer geht, der Herbst kommt.

L. Jacobs