Kohlenklau mit Gottes Segen

Bild der 52. Woche - 28. Dezember bis 3. Januar 2021

Walter Dick, Frauen beim Kohlenklau, Köln, 1947, Kölnisches Stadtmuseum, Inv. Nr.: G 26521a-2 /Rheinisches Bildarchiv Köln

Am 6. März 1945 erreichten die US-amerikanischen Truppen das linksrheinische Köln und beendeten für die dort noch lebenden Menschen den Zweiten Weltkrieg. Sie standen vor einer Stadt in Trümmern.

Niemand wusste genau, wie viele Kölner*innen in der Stadt geblieben waren und wie viele die Luftangriffe überlebt hatten. Die erste Erfassung der Bevölkerung durch die Alliierten fand bereits im März 1945 statt. Anfang April gab es erste Zahlen: In der Stadt lebten nur noch etwa 42 000 Menschen. Und somit rund 650 000 weniger als noch in den 1930er Jahren.
In den kommenden Monaten des Jahres 1945 kehrten Tausende Kölner*innen über die Behelfsbrücke zurück nach Köln. Nur wenige hatten Fahrräder oder Handkarren für ihre Habseligkeiten. Bei der Ankunft in Köln wurde zunächst eine Entlausung mit DDT – ein heute verbotenes Pestizid – durch die US-Amerikaner durchgeführt.
Ende April 1945 hatte Köln bereits wieder 70 000 Einwohner, Ende 1945 waren es bereits 447 000.
Die Folge der schnellen Rückwanderung waren Wohnungs- und Verpflegungsnot, mit denen man in Köln bis zur Währungsreform zu kämpfen hatte.

Zwischen Kriegsende und 1948 erhielten die Kölner*innen täglich offiziell zwischen 1000 und 1500 Kalorien über Lebensmittelkarten. Die tatsächlich zugeteilten Rationen lagen jedoch meist unter 1.000 Kalorien. Für die Lebensmittelausgabe musste man zudem stundenlang Schlange stehen. Der Schwarze Markt boomte, denn an viele Güter kam man nicht über den legalen Weg.

„fringsen“

Auch die Knappheit an Kohle wurde zur Herausforderung. Besonders der kalte Winter in den Jahren 1946/47 machte das Fehlen von Heizmaterial zum Grundproblem. Kaum ein Haus war richtig abgedichtet und viele lebten in den Ruinen. Ein Ende des eiskalten Winters war Ende des Jahres 1946 noch nicht abzusehen. Zu Silvester hielt Josef Kardinal Frings in St. Engelbert in Köln-Riehl seine berühmte Predigt, die das Wort „fringsen“ prägen sollte.

In Anbetracht der schwierigen Situation erteilte der Kölner Erzbischof Kardinal Frings seinen Segen zum Entwenden von Kohle, wenn die Not es nicht anders erlaubte: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann“.
Viele Kölner*innen interpretierten seine Worte als Freibrief, um Kohle zu klauen. Schon bald entstand für den Kölner Kohlenklau das Wort „fringsen“.

Die Fotografie von Walter Dick aus der Sammlung des Kölnischen Stadtmuseum zeigt Kölnerinnen beim „fringsen“ im Jahr 1947. Sie entwenden die Briketts direkt von den Wagen der Eisenbahnen.
Vor allem Frauen und Kinder machten sich in den Nachkriegsjahren auf die Suche nach Kohle zum Heizen während des kalten Winters.

Yvonne Katzy