Andy Warhol persönlich

Bild der 50. Woche - 14. Dezember bis 20. Dezember 2020

„Altered Image“ 1981 von Christopher Makos, eine Zusammenarbeit mit Andy Warhol, basierend auf Man Rays und Marcel Duchamps gemeinsamer Arbeit „Rrose Sélavy“, 1920
Foto: Christopher Makos, makostudio.com, 1981

New York, vor knapp 40 Jahren. Hier Andy Warhol (1928 – 1987), bleicher Meister der Pop Art, der den amerikanischen Mythos beschwor, ihn zu Kunst und Geld machte. Dort Donald Trump, windiger Dealmaker und Immobilienjongleur. Was beide verbindet? »Reich und berühmt werden«, davon träumte auch der junge Warhol. So hätte es eine wunderbare Geschäftsbeziehung werden können, doch es kam anders und zwischen den beiden schillernden New Yorkern zum Eklat: Der exzentrische Milliardär gibt bei Warhol Anfang der 1980er-Jahre Siebdrucke des Trump Towers in Auftrag, doch bei deren Übergabe ist der Hausherr entsetzt (Trump: »Ich hasse sie!«) und verweigert das vereinbarte Honorar. Fortan geht man sich aus dem Weg. Warhol später: »Ich hasse die Trumps.« Ironie der Geschichte: Warhol, der gefühlt amerikanischste aller Künstler, derlange Zeit unser Bild vom »American Way of Life« prägte, wäre unter dem Präsidenten »Make America Great Again«-Trump, ein Geächteter. Nicht des geplatzten Deals wegen, sondern als Mensch, als Einwanderer, als Homosexueller.

Eben diesen persönlichen Seiten – Warhols Familiengeschichte, das Verhältnis zur Mutter, zur Religion und nicht zuletzt sein Schwul- und Anderssein – rückt die Ausstellung »Andy Warhol Now« (Museum Ludwig, Dezember 2020 – April 2021) ins Zentrum. Dabei dachten wir, wir wüssten schon alles über das Pop Art-Genie!? Dazu Helena Kuhlmann, kuratorische Assistentin im Museum Ludwig: »Nach Warhols Tod 1987 organisierte das Museum of Modern Art New York eine umfangreiche Retrospektive, die 1989 auch im Kölner Museum Ludwig zu sehen war. Das ist nun über 30 Jahre her und unsere Welt und unsere Perspektive haben sich stark verändert.« Warhols Postulat von den »15 Minutes of Fame«, jenen 15 Minuten im Leben, die ein jeder berühmt sein kann, ist inzwischen inflationär. Instagram und YouTube versprechen flüchtigen Ruhm. Doch es sind immer noch die gleichen Warhol‘schen Sehnsüchte, die die Menschen in die Sozialen Netzwerke treiben. Und brandaktuelle Themen, die sich in seinem Werk, in seiner Biografie widerspiegeln. Helena Kuhlmann: » Man denke nur an die Debatten über Migration, Gleichberechtigung und Identität. Warhol lebte den amerikanischen Traum, war aber eng mit den Traditionen der russinischen Heimat – der heutigen Slowakei – verbunden, er war homosexuell und katholisch, von der Mutter umsorgt und weltberühmt, scheu und ikonisch, undurchsichtig und unverwechselbar. Er hat selbst mit seiner Person eine Projektionsfläche geschaffen, die dazu verleitet, ihn und sein Werk immer neu zu betrachten.«

So bekommt der vermeintlich Oberflächliche in der Kölner Retrospektive – kuratiert von Yilmaz Dziewior und Stephan Diederich in Kooperation mit der TATE MODERN London –, deutlich mehr mehr Tiefe und Kontur. Wir erfahren, wie Warhol mit Krankheit und Tod, den wenig glamourösen Seiten des Lebens haderte. Wie das Attentat – eine radikale Feministin versuchte den Künstler 1968 zu erschießen – sein Dasein auf den Kopf stellte. Und warum er nicht wirklich das asexuelle Wesen, der Schüchterne, der Verklemmte war. »Wie schwul war Warhol? So schwul es nur geht!«, weiß der US-Schriftsteller Wayne Koestenbaum. Schon Warhols Zeichnungen junger Männer aus den 1950er-Jahren sprechen Bände, so wie »Sleep«, ein Video mit einem seiner schlafenden Liebhaber. Aber auch die wenig bekannte Porträtserie »Ladies and Gentlemen«, die Transvestiten aus dem New Yorker Nachtleben in Szene setzt.

Überhaupt – New York! Die Metropole schlechthin. Helena Kuhlmann: »Was wäre unsere Vorstellung vom Big Apple ohne Andy Warhol? In diesem Schmelztiegel globaler Migration konnte er sich als junger Werbegrafiker eine Existenz aufbauen, als freier Künstler mit einer bunten Gruppe von Freund*innen und Mitarbeiter*innen an seinen Projekten arbeiten, die das Lebensgefühl zu dieser Zeit an diesem Ort konservierten. Das soziale Umfeld wird zum Teil seiner Kunst, in Warhols New Yorker Ateliers, der ›Factory‹, entsteht die Marke ›Warhol‹.«

R. Müller