„Alaaf!“ in der Krise

Bild der 46. Woche - 12. November bis 18. November 2018

Speisekarte zum Karneval im Excelsior-Hotel in Köln, 1927, Druckgrafik, Kölnisches Stadtmuseum, o. Inv.-Nr. (Foto: RBA)

Die Session hat begonnen, und die Jecken werden sich ungeachtet der krisenhaften Stimmung, die in der Luft liegt, das Feiern nicht nehmen lassen. In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick zurück auf die Session 1926/27: „[D]as Tragen von Verkleidungen und Abzeichen aller Art, das Singen, Spielen und Vortragen von Liedern, Gedichten und Vorträgen, das Werfen von Luftschlangen, Konfetti und dergleichen“ sind vom Polizeipräsidenten strengstens untersagt, so der Kölner Stadtanzeiger vom 23. Februar 1927. Während der einfache Kölner Jeck auf ausschweifende Feierlichkeiten verzichten musste, genoss die feine Kölner Gesellschaft den Karneval bei Rheinsalm, Trüffeln und Hummer-Tunke im Excelsior-Hotel.

Nicht gegensätzlicher konnten die Erfahrungen der Zeitgenossen in dieser Karnevalssession sein. Die Ausgestaltung der Speisekarte zum Karneval im Excelsior-Hotel zeigt diesen Kontrast ganz eindrücklich: Im Vergleich mit früheren Menüs steht hier nicht die bildliche Ausgestaltung, sondern die Speisenfolge im Vordergrund. Diese ist dezent in nur einem Grünton gehalten. Zaghaft lugt ein Harlekin hinter der Tür vor. Ein Affe, Sinnbild für Frohsinn und Geselligkeit, lockt diesen geradezu aus der Deckung. Hinsichtlich der Speisefolge musste die feine Gesellschaft auf nichts verzichten; für zehn Reichsmark erhielten sie die dargebotenen Köstlichkeiten im Sechs-Gänge-Menü.

Erst Silvester 1926/27 war das Excelsior-Hotel feierlich wiedereröffnet worden. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die britischen Besatzer zwei Drittel aller Kölner Hotels konfisziert. Das exquisite Excelsior diente dabei als Hauptquartier. Am 31. Januar 1926, Punkt 15 Uhr, war es dann endlich soweit: Eine Kompanie britischer Infanteristen marschierte vor dem Hotel auf. Beim dritten Glockenschlag des Doms wurde die Flagge Großbritanniens über dem Hoteleingang eingeholt. Die siebenjährige Besatzung hatte ein Ende! Und sie hinterließ Spuren – das Excelsior-Hotel musste von Grund auf saniert werden. Nach der Wiedereröffnung kostete die günstigste Übernachtung zwölf Reichsmark – der höchste Einstiegspreis in ganz Köln. Damit reihte sich das Excelsior mühelos in die Riege der europäischen Grandhotels ein.

Auch an der fünften Jahreszeit ging die Besatzung nicht spurlos vorüber. Während schon im Krieg an Feiern nicht zu denken gewesen war, hatten die Briten mit der Besatzung gleich den gesamten Karneval verboten! Erst 1925 wurde – nach zehnjähriger Pause – der Saalkarneval wieder erlaubt. Der Straßenkarneval blieb indes auch nach Abzug der britischen Truppen verboten. Umso größer war die Freude der Kölner, als die Zeitungen Anfang 1927 verkündeten, worauf viele insgeheim gehofft hatten: Es werde zwar wieder keinen Rosenmontagszug geben, allerdings sei eine „Kappenfahrt“ polizeilich geduldet.

„Die alte und die neue Zeit“ – unter diesem Motto war die Kappenfahrt nicht nur von starken Reglementierungen, sondern auch von den wirtschaftlichen Missständen geprägt: die Kostüme der Karnevalsvereine waren entweder von Motten zerfressen oder in Zeiten der Not verkauft worden; die Vereinskassen waren leer; auch standen Lastwagen zum Aufbau von Prunkwagen nur begrenzt zur Verfügung und die Pferdegespanne, die zuvor das preußische Militär gestellt hatte, mussten von außerhalb beschafft werden. Weil sich der Zugweg an mehreren Stellen kreuzte und die Gespanne sich immer wieder festfuhren, wurde der Zug ständig auseinandergerissen und extrem in die Länge gezogen. Und dennoch strömten die Kölner in Massen zum Zug. Egal, ob gut betucht oder der einfache Jeck: Das Feiern ließ sich der Kölner in dieser Session nicht nehmen.

N. Blok