Die lebendige Synagoge - ein Bild zum Jom Kippur Fest

Bild der 39. Woche - 25. September bis 1. Oktober 2017

Jakob Steinhardt: Juden in der Synagoge, 1921. Kreide, laviert, auf Papier, 24,8 x 27,9 cm, Köln, Museum Ludwig, Grafische Sammlung, Inv.-Nr. ML/Z 1961/043, Zugang 1976 (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d036828_01)

Synagoge bedeutet übersetzt in etwa „Haus der Versammlung“ und ist damit nicht nur Gebets-, sondern auch Lernort und Treffpunkt der jüdischen Gemeinde. Sie spielt eine zentrale Rolle am höchsten jüdischen Feiertag, dem Jom Kippur Fest. Das "Versöhnungsfest" wird noch heute von einer Mehrheit der Juden in mehr oder weniger strikter Form eingehalten. Am Versöhnungstag suchen Juden die ausschließliche Beschäftigung mit geistigen Dingen und gedenken der eigenen Geschichte. Jom Kippur wird immer am 10. Tag des (traditionellen) 7. Monats begangen - in diesem Jahr am 30. September. Ein Großteil des Tages - ein Fastentag - ist dem Gottesdienst gewidmet.

Das Erinnern ist fest in der jüdischen Religion und Lebensweise verwurzelt. Bereits in der Thora werden die Juden aufgefordert nie zu vergessen. Denn in der jüdischen Kultur der Diaspora ohne einen Staat Israel war es nur durch das Erinnern und vor allem durch das Erzählen des Erinnerten möglich, Traditionen sowie religiöse Pflichten und Gebote an die nächsten Generationen weiterzugeben. Über das kollektive Erinnern an eine gemeinsame Vergangenheit stellen die Juden dabei gleichzeitig während der Versammlungen im Gebetshaus ihre Identität her und festigen diese.

Eben dieses Zusammentreffen in der Synagoge findet sich in Jakob Steinhardts KreidezeichnungHier erschafft er ein traditionelles Abbild der Synagoge als Kultplatz. Jakob Steinhardt (1887-1968) zählt zu den bedeutendsten deutsch-jüdischen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Mit seinen frühexpressionistischen Arbeiten erzielte er schon vor dem Ersten Weltkrieg seinen Durchbruch. Während des Krieges war er in Litauen stationiert, wo er eine Faszination für die dort lebenden orthodoxen Juden entwickelte. So zeigen viele seiner 1920/1921 entstandenen Werke Szenen aus ihrem religiösen Alltag. Beeinflusst durch den osteuropäischen Zionismus spiegeln seine Werke damit eine authentische jüdische Welt wieder.

Die Zeichnung „Juden in der Synagoge“ erweckt dabei durch die Farb- und Motivwahl zunächst einen düsteren Eindruck vom jüdischen Gottesdienst. Doch die Atmosphäre in der Synagoge einer orthodoxen Gemeinde kann und sollte auch einem Fest gleichen. Der Singsang beim Vorsprechen der Gebete gen Jerusalem ist meist klangvoll und melodisch. Die Betenden sind dabei zwar konzentriert und besinnlich, vor allem aber glücklich, wie sich im Bild erkennen lässt. Die Synagoge gleicht während des Gottesdienstes einem lebendigen Ort, und soll hierdurch vor allem dabei helfen, zur geistigen Erfüllung zu gelangen. Die nach vorne geneigte Körperhaltung der Juden deutet das Wiegen an, in das die Betenden tranceartig verfallen und das Ausdruck ihrer tiefen Gedanken und Gefühle ist.

Die Betergemeinschaft ist dabei eine Versammlung von Gleichberechtigten; es gibt keine offiziellen Vermittler zwischen Gott und den einzelnen Mitgliedern. Deshalb wenden sich die abgebildeten Juden auch nicht einer einzelnen Person, wie dem Rabbiner, zu. Stattdessen wird die Bedeutung der Gemeinschaft in der Zeichnung deutlich.

Teil des Judentums ist die Offenheit für andere Konfessionen. Außer an hohen Feiertagen sind dementsprechend auch andere Menschen dazu eingeladen, sich in der Synagoge zu versammeln. Als Teil der Gemeinschaft dürfen und sollen sie an einem Gottesdienst teilnehmen, um so mehr über die jüdische Kultur zu lernen.

J. Beinlich