Stabat Mater dolorosa….

Bild der 13. Woche - 29. März bis 4. April 2010

Kölnisch, um 1425/30 Christus am Kreuz zwischen Maria und Johannes Eichenholz, 92 x 65 cm Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 57
Ansicht im Seitenlicht

Beim Betrachten des aktuellen „Bild der Woche“ tritt schnell ein außergewöhnliches Merkmal hervor: die Kombination von zweidimensionaler Malerei und dreidimensionaler Plastik. Auch in der Kölner Malerei des 15. Jahrhunderts scheint eine solche Kombination einzigartig gewesen zu sein, zumindest sind uns keine parallelen Werke überliefert. So muss diese Tafel auf den zeitgenössischen Betrachter sehr beeindruckend gewirkt haben: Vermutlich war sie in einer Kirche über Kopfhöhe angebracht, so dass der intendierte illusionistische Effekt sich voll entfaltet konnte. Denn erst von unten betrachtet erscheinen nicht nur die plastischen Köpfe geradezu lebensecht, ebenso entwickeln die fast zylindrischen Formen der Gewänder und die erhabenen Blutstropfen eine plastische Wirkung. Die Lichtverhältnisse in einem dunklen Kirchenraum werden diese Wirkung weiter verstärkt haben. So wird die im Mittelalter sehr häufig dargestellte Szene besonders lebendig: Jesus vertraut sterbend vom Kreuz aus seine Mutter Maria und seinen Lieblingsjünger Johannes mit den auf den Spruchbändern wiedergegebenen Worten einander an: „wif sich din kint“ - „Joh’es sich din muder“ (Weib, siehe Deinen Sohn - Johannes, siehe Deine Mutter). Dieser Akt wird in der Theologie als Anempfehlung der ganzen Menschheit an die Mutterschaft Mariens gedeutet. Offensichtlich war es das Anliegen des Künstlers, diesen Moment so realitätsnah wie möglich darzustellen. Der Betrachter sollte sich ganz in die Szene hineinversetzen können und gleichsam mit Maria und Johannes unter dem Kreuz stehen. Dieser Gedanke entsprach der mittelalterlichen Frömmigkeit, die ganz von der Mystik, also der Vergegenwärtigung des Lebens und Sterbens Christi durch Gebet und Meditation bestimmt war. So heißt es in einem berühmten mittelalterlichen Gedicht: Stabat mater dolorosa Iuxta crucem lacrimosa, Dum pendebat filius. (…) Sancta mater, istud agas, Crucifixi fige plagas Cordi meo valide. Tui nati vulnerati Tam dignati pro me pati, Poenas mecum divide! Fac me vere tecum flere, Crucifixo condolere, Donec ego vixero. Iuxta crucem tecum stare Ac me tibi sociare In planctu desidero. -------- Christi Mutter stand mit Schmerzen bei dem Kreuz und weint von Herzen, als ihr lieber Sohn da hing. (…) Drücke deines Sohnes Wunden, so wie du sie selbst empfunden, heilge Mutter, in mein Herz! Dass ich weiß, was ich verschuldet, was dein Sohn für mich erduldet, gib mir Teil an seinem Schmerz! Lass mich wahrhaft mit dir weinen, mich mit Christi Leid vereinen, so lang mir das Leben währt! An dem Kreuz mit dir zu stehen, unverwandt hinaufzusehen, ist’s, wonach mein Herz begehrt. Lange ging man in der Forschung von einer Weiterverwendung der Köpfe aus, die ursprünglich für eine vollplastische Kreuzigungsgruppe gedacht gewesen seien. Dagegen spricht jedoch die Tatsache, dass die Köpfe und der jeweilige Pfropf zur Anbringung an die Tafel aus einem einzigen Stück Holz geschnitzt sind. Dies legt nahe, dass die sehr qualitätvolle Schnitzarbeit von vorneherein für eine Tafel bestimmt war. Anhand von dendrochonologischen Untersuchungen konnte die Entstehung des Werkes auf die Zeit um 1425-30 datiert werden. Hinsichtlich der Malweise sind einige Besonderheiten festzustellen, sodass sich die Tafel stilistisch keiner der bekannten Kölner Werkstätten mit Sicherheit zuordnen ließ. Es wurde sogar die Vermutung angestellt, dass der Schnitzer der Köpfe sich selbst an der Malerei versuchte, da eine sonst sehr unübliche schwarze Vorzeichnung entdeckt wurde. Letztlich wird uns aber der Urheber dieses außergewöhnlichen Werkes wohl weiterhin unbekannt bleiben.

E. Richenhagen