Erste Adventstür in der Fastenzeit

Bild der 12. Woche - 22. bis 28. März 2010

Kölnisch, um 1420-1425 Schranktüren mit der Darstellung der Verkündigung Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 47 und 48
Kölnisch, um 1420-1425 Außenseiten von Schranktüren mit der Darstellung der Heiligen Anno und Agilolf (Mitte: Rekonstruiert nach einem Reliquienschrank aus St. Kunibert) Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 49 und 50

Am 25. März feiern Christen trotz des bevorstehenden Karfreitags ein erstes vorweihnachtliches Fest: die Verkündigung des Herrn an Maria. Neun Monate vor der Geburt Christi erfährt diese vom Engel Gabriel, dass sie den Sohn Gottes zur Welt bringen wird. Unser „Bild der Woche“ zeigt eben diesen Moment, wie er beim Evangelisten Lukas (1,26-38) beschrieben wird: der Engel sucht Maria in Nazareth auf und begrüßt sie – wie das Schriftband zeigt – mit den Worten: „Ave gracia plena dominus tecum“ (Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir). Sie werde durch die Kraft des Heiligen Geistes einen Sohn empfangen, dem sie den Namen Jesus geben solle; dieser werde groß sein und „Sohn des Höchsten“ genannt werden. Maria ist durch diese unerwartete Botschaft zunächst überrascht, gibt dann aber bereitwillig ihre Zustimmung, die der Künstler hier in dem vor ihr aufgeschlagenen Buch wiedergibt: „Ecce ancilla domini fiat mihi secundum verb[um] tuum“ (Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast). Die Tafeln wurden von einem uns unbekannten Kölner Künstler um 1420-1425 geschaffen. Dabei handelt es sich nicht um die Flügel eines Altares, wie von der früheren Forschung angenommen. Zu ungewöhnlich ist das Format und die Verarbeitung des Holzes. Vielmehr sprechen die deutlich sichtbaren Scharnierspuren dafür, dass es sich um Türen eines Schrankes handelt, der vielleicht in einer Sakristei gestanden hat und in dem evt. Reliquien aufbewahrt wurden. Schon während des Malprozesses veränderte der Künstler die Position des Kopfes, der Hände und des Heiligenschein Mariens, sodass Übermalungen teils mit dem bloßen Auge sichtbar sind. Bei weiteren Röntgenuntersuchungen konnten zwei übermalte Stifter entdeckt werden: Unterhalb des Engels befindet sich ein unbekannter geistlicher Stifter, unterhalb der Maria der Kanonikus Theodericus de Ubach, wie der Namenszug verrät. Dieser war von 1421-1428 in der Kirche St. Mariengraden tätig, sodass anhand der Identifizierung des Stifters eine präzisere Datierung der Tafeln ermöglicht wurde. Warum die Stifter übermalt wurden, lässt sich nicht mehr feststellen: vielleicht blieb ihre Zahlung aus; denkbar wäre auch, dass die Tafeln zunächst tatsächlich als Altarflügel gedacht waren, noch während des Malprozesses aber zu Schranktüren umfunktioniert wurden. Die Darstellung eines Stifters wäre dann sehr unüblich gewesen. Ursprünglich befanden sich die Tafeln in St. Maria ad gradus („Maria zu den Stufen“), einer romanischen Stiftskirche unweit des Kölner Doms, die unter der französischen Besatzung zunächst profaniert und 1817 schließlich abgerissen wurde. Noch heute erinnert eine in die Domplatte eingelassene Tafel an die ehemals umliegenden Kirchen. Die Herkunft aus Mariengraden, wie die Kirche im Volksmund auch genannt wurde, ist nicht nur durch schriftliche Quellen bzw. den übermalten Stifter belegt, sondern wird auch aus der Ikonographie ersichtlich: in geöffnetem Zustand zeigte der Schrank die Heiligen Anno und Agilolf (s. Bild rechts), die eng mit der Kirche verbunden waren. Der Kölner Erzbischof Anno II. (gest. 1075) ließ die von seinem Vorgänger gestiftete Kirche vollenden und trägt deswegen ein Modell des Baus in seiner Rechten. Im Jahre 1062 ließ Anno die Reliquien des hl. Agilolf, der um die Mitte des 10. Jahrhunderts Bischof von Köln war, in die Kirche übertragen. Wie die Tafel zeigt, blieb die gemeinsame Verehrung der beiden Heiligen in Mariengraden bis ins späte Mittelalter hinein lebendig.

E. Richenhagen