Wolf Vostell, Miss Amerika, 1968

Bild der 18. Woche - 28. April bis 4. Mai 1997

Wolf Vostell, (Leverkusen 1932, lebt in Berlin), Miss Amerika, 1968, Leinwandfoto, Lasurfarbe und Siebdruck auf Leinwand, 200 x 120 cm, Museum Ludwig, ML 1152, 1976 erworben © VG Bild-Kunst, Bonn 199

"Im Idealfall sind meine Bilder Störfeuer, Mahnungen, Drohungen, Proteste, Erinnerungen, Fragezeichen." In der Tat verrät das Tafelbild "Miss Amerika" das ausgeprägte gesellschaftskritische Bewußtsein Wolf Vostells. Das Gemälde entstand im gleichen Jahr (1968), in dem das von Vostell als Vorlage verwendete Foto der Erschießung eines gefesselten Vietkongs weltweite Verbreitung fand und zum Sinnbild der Brutalität und Ungerechtigkeit des Vietnam-Krieges wurde. Diese barbarische Hinrichtung konfrontiert Vostell mit einem zur Siegerin des nationalen Schönheitswettbewerbs erklärten Mädchen. Die den Kopf des Gefangenen überragende Gestalt ist wohl stellvertretend für eine Gesellschaft zu verstehen, die die Menschenwürde aus den Augen verloren hat und die Wirklichkeit vom Schein nicht mehr zu unterscheiden weiß: Nicht die Augen des Hingerichteten sind verbunden, sondern die der Schönheitskönigin - mit einer blutroten Maske.

A. Fischer