Abbruchreif?

Die älteste Fotografie im Bestand des Kölnischen Stadtmuseums stammt von einem Franzosen. Charles Marville dokumentierte 1853 die Kölner Rathauslaube, bevor sie in den folgenden Jahren wie das gesamte Rathaus einer tiefgreifenden verändernden Modernisierung unterzogen wurde.

<strong>Charles Marville: Rathauslaube</strong>, Köln, 1853. Foto: rba_d033408
Charles Marville: Rathauslaube, Köln, 1853. Foto: rba_d033408

Bereits ein Jahr früher als der in Köln wohlbekannte belgische Fotograf Jan Frans Michiels (1823– 1887) hielt der Franzose Charles Marville die Rathauslaube fotografisch fest, und zwar in der bevorzugten Perspektive von Süden, bei der zumindest ein Teil des Ratsturmes zu erkennen ist.

Die Renaissancelaube war als Ersatz für die baufällig gewordene gotische Laube um 1570 von Wilhelm Vernuken (um 1540–1607) errichtet worden. Von städtischer Seite aus waren die wichtigsten Beteiligten Bürgermeister Constantin von Lyskirchen (dessen Bildnis 102 Jahre früher, 1894, ins Museum gelangt ist), Hermann von Wedig (d. Ä.) und Stadtschreiber Johannes Helman, der die lateinischen Inschriften verfasste. Die Kosten des Portalbaus sollen 110.000 Goldgulden betragen haben, obwohl man auf die vorgesehene Pflasterung der neuen Halle aus Kostengründen zunächst einmal verzichtete. Schon 30 Jahre später wurde der Portalbau als »schad- und mangelhaft«, gar »ruinös« bezeichnet, aber erst 1617/18 erfolgte die Instandsetzung. Damals erhielt das Portal auch die Gewölbe des Obergeschosses und die seitlichen Wappenaufsätze. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war dann eine erneute Generalüberholung fällig, verbunden mit einer neuen Farbgebung und teilweisen Vergoldung, wie es der barocke Zeitgeist forderte.

Erst wieder Stadtbaumeister Johann Peter Weyer veranlasste 1836 bis 1839 die ersten Schritte einer großzügigen Restaurierung. Die Erneuerung des Daches und Ersetzung von Reliefs und JustitiaFigur kosteten 3.200 Taler. In diesem Zustand traf Marville bei seiner Rheinreise 1853 auf das Renaissanceportal, denn die tief greifenden Umbauten durch Julius Raschdorff setzten erst nach 1858 ein.

Anders als auf Zeichnungen, ausgeführten Gemälden oder gar Druckgrafiken schönte der Fotograf nichts, er zeigt die Laube in all ihrem majestätischen Verfall, zudem leicht überbelichtet, an einer der Säulen der unvermeidliche Größenvergleichsmensch. Vorn rechts führt die Treppe in den oberen Teil der Laube, von wo aus die reichsstädtischen Bürgermeister ihre Morgenappelle verlasen. Links davon erkennt man eine Wand mit zahlreichen Anschlägen und Bekanntmachungen. Oben rechts ist vor dem schmalen Kamin eine sehr bruchstückhafte Zinne erkennbar, sodass man Angst haben musste, dem Rathaus zu nahe zu kommen, wollte man nicht von herabstürzenden Steinen getroffen werden.

Charles Marville (1813/1816–1879, eigentlich Charles François Bossu), ursprünglich ausgebildet als Maler, Graveur und Illustrator, wandte sich um 1850 der Fotografie zu. 1851 begann er damit, im Louvre Fotografien von Zeichnungen anzufertigen. Bald darauf fotografierte er in Westeuropa und Algerien für den Verlag seines Fotografenkollegen Louis-Désiré Blanquart-Evrard in Lille. Die Aufnahmen, die Marville von seinen Reisen an den Rhein 1852/53 mitbrachte, illustrieren das 1853 in Lille erschienene Mappenwerk »Les bords du Rhin – monuments, ruines, vues pittoresques«, das erste fotografische Ansichtenwerk vom Rhein überhaupt. Darin ist auch die Kölner Rathauslaube zu finden – jedoch ohne den Statisten an der Säule. Bei dieser Gelegenheit fotografierte er auch die Bauarbeiten am Dom, die Kirche St. Maria im Kapitol und den Hafen am Rhein.

Ende der 1850er Jahre beauftragte ihn die Stadt Paris, die alten Viertel der Stadt vor der Umgestaltung und Modernisierung im Auftrag von Napoleon III. und des Präfekten Georges-Eugène Haussmann zu dokumentieren. Zehn Jahre später fotografierte er die Neu- und Umbauten. 1862 war er zum »amtlichen Fotografen von Paris« ernannt worden.

 

Charles Marville: Rathauslaube, Köln, 1853. bez. links unten: Cologne / Ch. Marville / Août 1853. Salzpapierabzug, H: 35,8 cm, B: 26 cm, Inv.-Nr. G 15370. Ankauf 1996 bei Rudolf Kicken Galerie, Aachen, für 3450 DM. Foto: rba_d033408


Autor: Rita Wagner M.A.

 

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