»Kunst ist Leben, Leben ist Kunst«

Die Arbeit »Madison Avenue, Literatur 4« von 1969 des Kölner Künstlers Wolf Vostell thematisiert in überzeugender Einfachheit wichtige Diskurse und Entwicklungen ihrer Zeit. Erst 1969 wurden verheiratete Frauen geschäftsfähig – berufstätige Frauen waren selten, Frauen in höheren Positionen kaum zu finden und eher noch waren sie als Buchhalterinnen oder Sekretärinnen in Großraumbüros anzutreffen, zwischen dem Stakkato der Schreibmaschinen.

<strong>Wolf Vostell: Madison Avenue, Literatur 4</strong>, 1969. Foto: rba_d033451_02
Wolf Vostell: Madison Avenue, Literatur 4, 1969. Foto: rba_d033451_02

Wie militärisch aufgestellt wirken die Lippenstifte in verschiedenen Rosatönen bei Wolf Vostells Objekt »Madison Avenue, Literatur 4«, das 1969 im Auftrag des Kölner Künstlers und Sammlers Gerd Baukhage entstand. Die Gattin des Künstlers, Maria Theresia Baukhage-Solbach, hatte die benötigten Lippenstifte im Kölner Kosmetikfachhandel persönlich erworben. Die goldglänzenden Fassungen lassen an Patronenhülsen denken und sind passgenau auf den Tasten einer mechanischen Schreibmaschine fixiert worden. Als Mitbegründer der Fluxus-Bewegung beschäftigte Vostell die Verknüpfung von Kunst und Leben im Allgemeinen: »Kunst ist Leben, Leben ist Kunst« formulierte er 1961. Seine künstlerische Praxis weitete er mit der Zeit auf neue, lebensnahe Formen der Kunst aus, wie Happenings, Environments und die Decollage. Eine bekannte Kölner Arbeit Vostells ist die Skulptur »Ruhender Verkehr« (1969), ein in Beton gegossenes Fahrzeug der Firma Opel, das auf dem Mittelstreifen des Hohenzollernrings platziert wurde.

Im Zentrum seiner Arbeiten und Aktionen stand immer die politische Dimension menschlichen Handelns: 1968 entstand eine Reihe von Objektgraphiken, die ein häufig abgedrucktes Pressebild aus dem Vietnamkrieg zur Grundlage hatten, das die für die Kunstmetropole Köln in den 1960er bis die militärische Überlegenheit der USA demonstrierte. »B 52 (Lippenstiftbomber)« zeigt die körnig Sigmar Polke und Joseph Beuys –, sowie von 100 reproduzierte Abbildung eines Langstreckenbombers in Aktion, der in Vostells Version statt Bomben jedoch Lippenstifte abwirft. Der Lippenstift ist hier Symbol für den Kapitalismus und das Bestreben der USA nach weltweiter Konsumfreiheit. »B 52« vereint Kriegs- und Kapitalismuskritik, Vostell thematisiert neben dem Vietnamkrieg den Konflikt zwischen kapitalistischem und kommunistischem System.

Mit »Madison Avenue, Literatur 4« kombiniert Vostell eine herkömmliche Schreibmaschine mit Lippenstiften, die weibliches Accessoire wie auch Konsumartikel sind und dem Klischee der berufstätigen Frau dieser Zeit in den USA entsprechen. Der Titel der Arbeit verweist auf die Welt der New Yorker Werbeindustrie. Bereits seit 1920 siedelten sich die großen Firmen der Werbebranche auf der Madison Avenue an (der auch die erfolgreiche Fernsehserie »Mad Men« ihren Titel entlehnt). Frauen waren in dieser Zeit selten in höheren Positionen für ein Unternehmen tätig; ein Grund dafür war, dass verheiratete Frauen erst seit 1969 als geschäftsfähig betrachtet wurden. Als Buchhalterinnen und Sekretärinnen arbeiteten sie vornehmlich in Großraumbüros, die vom omnipräsenten Stakkato der Schreibmaschinen beherrscht wurden. War die Schrift lange Zeit Männern vorbehalten und somit Schreiben eindeutig männlich konnotiert, kann die Schreibmaschine als mechanisches Reproduktionsgerät auf die dort angestellten Frauen bezogen werden. Der Glanz, die Farbigkeit und die systematische Aufreihung der Lippenstifte – in den zwei vorherigen Beispielen auch aufgrund ihrer Formanalogie motivisch als Waffe eingesetzt – geben dem Objekt eine erotische Komponente, die durch das phallische Aussehen verstärkt wird.

Durch das Nebeneinander des Gegensätzlichen und Widersprüchlichen in Verbindung mit der Banalität der benutzten Gegenstände thematisiert Vostell mit »Madison Avenue, Literatur 4« in bestechender Einfachheit wichtige Diskurse und Entwicklungen seiner Zeit.

Vostells Arbeit ist Teil einer umfangreichen Sammlung von 100 Werken zeitgenössischer Künstler, die für die Kunstmetropole Köln in den 1960er bis 1980er Jahren prägend waren – darunter auch Sigmar Polke und Joseph Beuys –, sowie von 100 Werken ihres 1998 verstorbenen Gatten Gerd Baukhage, die Dr. Maria Theresia Baukhage-Solbach dem Kölnischen Stadtmuseum in einer großzügigen Schenkung 2011 übergab.

 

Wolf Vostell: Madison Avenue, Literatur 4, 1969, Schreibmaschine mit Lippenstiften; 38 x 38 x 21 cm, Inv.-Nr. KSM 2011/350, Anfertigung für Gerd Baukhage, Köln. Foto: rba_d033451_02


Autor: Dr. Philipp Kaiser

 

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