Sammlung:
Der Impuls, Fotografien zu sammeln und die Geschichte des Mediums zu reflektieren, ging Ende des 19. Jahrhunderts von den Initiatoren der künstlerischen Fotografie, an erster Stelle von dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, aus. Um neue künstlerische Positionen zu etablieren, wurden Reflektionen über die Geschichte der Fotografie notwendig. In der Vergangenheit entdeckte man plötzlich, aus der unmittelbaren Pionierzeit des Mediums, ästhetische Zeugnisse, die den künstlerischen Ambitionen der Erneuerung direkte Vorgaben lieferten.
Berühmt ist die Aufforderung Lichtwarks von 1898: „Und wird nicht von heute ab das Material gesammelt, so ist es nicht mehr vorhanden, wenn die immer einen Posttag zu spät aufwachende Wissenschaft sich danach sehnt“. In diesem Klima begann auch Erich Stenger in Berlin seine ersten Daguerreotypien zu erwerben. Seine finanziellen Mittel waren bescheiden aber da er kaum Konkurrenz hatte, gelang es ihm den ansehnlichen Bestand von ca. 700 Daguerreotypien, Ambrotypien und Zeugnissen anderer Verfahren aus der Frühzeit der Fotografie zusammenzutragen. Der bedeutendste Bestand ist direkt mit dem Namen von Alexander von Humboldt verknüpft: Aus dessen Nachlass stammt das berühmte Album, welches der Erfinder der Negativ- Fotografie W.H. Fox Talbot dem Gelehrten in Berlin schon 1843 dediziert hatte und das großformatige Album mit Fotografien aus Mittelamerika, welches der Ungar Paul de Rosti 1857 Humboldt noch kurz vor dessen Tod verehrte.
Humboldt war ein großer Mentor für die Fotografie in Preußen, nachdem er im unmittelbaren Umfeld des Erfinders J.L.M. Daguerre schon 1839/9 anlässlich der öffentlichen Bekanntgabe der Erfindung in Paris anwesend war. In Anbetracht dessen, dass seine Bibliothek zum großen Teil vernichtet worden ist, haben diese beiden Alben für die nationale Geschichte der Fotografie im damaligen Deutschland eine ganz besondere Bedeutung. Erich Stenger erwarb auf dem Kunstmarkt das Album der Ägyptenreise von Maxime Du Camp und einen Folianten mit über 120 frühen Salzpapier-Fotografien von David Octavius Hill und Robert Adamson. Die eigenhändig signierten Bilder von Julia Margaret Cameron gelangten durch private Kontakte in seinen Besitz und die frühesten erhaltenen Daguerreotypien aus Berlin erhielt er nach einem Telefonanruf. Ein unbekannter Anrufer meinte, er habe von Stengers Sammlungseifer gehört und würde ihm gerne einige Daguerreotypien übergeben. Signiert, datiert und beschriftet befindet sich seitdem die berühmte Daguerreotypie von der Einweihung des Denkmals für Friedrich den Großen, die Wilhelm Halffter 1851 aufgenommen hat, in der Sammlung Agfa.
August Sander, Beschriftung der Stammmappe, Bauernbildnisse aus dem Westerwald, Köln 1928, Museum Ludwig / Sammlung Agfa
Heute ist die Sammlung Agfa nicht identisch mit der einstigen Sammlung Erich Stengers. Zum einen gab es Kriegsverluste, zum anderen wurden aber auch seit dem Ankauf der Sammlung 1955 in unregelmäßigen Abständen weitere Ankäufe durch die Agfa vorgenommen. Dadurch gelangte der persönliche Nachlass des Dresdner Fotopioniers Hermann Krone und die 300 Portraits von Hugo Erfurth, die erst 1969 gekauft wurden, in die Sammlung. Heute besteht die Sammlung Agfa aus annähernd 11.000 Fotografien, Alben, Mappenwerken, Karikaturen und Archivmaterialien zur gesamten Kulturgeschichte der Fotografie. Die Sammlung Agfa beinhaltet bedeutendste Inkunabeln der Frühzeit des Mediums aber auch Zeugnisse der beginnenden Massenware Fotografie wie z.B. der Carte-de-Visite- und der Postkartenfotografie. Daneben ist das 20. Jahrhundert mit dem einzigartigen Mappenwerk 'Menschen des 20. Jahrhunderts’ von August Sander, mit einer Serie von Bauernportraits vertreten und u.a. mit der Portraitserie, die 1953 Erich Stenger als Geschenk von der GDL (Gesellschaft Deutscher Lichtbildner) übergeben wurde.
Diese Sammlung ist einzigartig, denn sie dokumentiert nicht nur die Selbstinszenierungen der Fotografen und Fotografinnen, sondern auch ein Kapitel der unmittelbaren (zweiten!) Nachkriegsgeschichte und des Wiederaufbaus.